Die nachfolgende Nacht war ein neues, nervöses Warten auf die Heimkehr Ludwigs, der mit Lilli gegangen war. Ein blasses Intermezzo des Denkens, Harrens und Schweigens, zwischen zwei Tagen rot an Geschehen.
Ehe der frierende Wintermorgen sich ganz behauptete, meldete das Mädchen den frühen Besuch Frau von Groddecks. Ich mochte sie nicht warten lassen und meine Finger waren doch steif von Aufruhr, da ich meinen Anzug ordnen wollte. Würde sie logisch genug denken können, der Mutter die Unverantwortlichkeit für des Sohnes Tun zu lassen? In ihren Kreisen blieben Ansichten und Beurteilungen häufig schablonisiert, und Ludwig war dem Gesetze nach ein Unmündiger.
Ich mühte mich, die peinliche Angst meines Gesichtes mit einer Gesellschaftsmaske zu hüllen. Ich zerpeinigte mich nach einem kleinen Begrüßungswort, und dann stand ich im Gartenzimmer vor ihr und faßte den Sinn ihrer Sätze schwer. Wie ... sie kam nicht, um meinen Sohn zur Rechenschaft zu ziehen? Nicht als Anklägerin, sondern als Bittende zu mir? Und endlich faßte mein Sinn das Geschehen: Lilli war mit einem Nachtzug entflohen. »Ein Freund, den sie nicht missen könne, warte ihrer irgendwo in der Welt und werde ihr Leiter sein in die neuen Wege hinein,« verriet ein Brief, den sie dagelassen. Aber weder der Name des Freundes, noch des Ortes, den sie aufsuche, sei genannt. Ob ich, ob meine Söhne nicht mehr wüßten? Nicht ahnten, wie dies Wurzel greifen konnte in ihrer Tochter Sein?
Wir beschieden Henno zu uns. Er sprach aufgehobenen Angesichts: wie Lilli in letzten Zeiten die Lauheit und Untertänigkeit der früheren Frau verdammt, wie sie die Mädchen in den Sturm des Lebens hineingerufen hätte. Wie ihr Blut und ihr Sehnen ihr Dinge vorsagten, denen sie folgen mußte, ohne Wehr. Wie die Enge ihrer Heimat sie zu Tode presse. Und sie nur eine Flamme noch sei, hinbrennend zur großen Ferne, zu der Freiheit Lüsten.
Und endlich stand Ludwig im Raum, mit umschatteten Augen. Und sagte, er würde jede Auskunft über seiner Freundin Pläne weigern, selbst, wenn er etwas wüßte. Es sei ihm jedoch sicher, daß Lilli nie mehr nach einer anderen Richtung hin gebogen werden könne ...
Und ich saß dabei und erlebte Frau von Groddecks Tränenstürze und mußte ihr Jammern hören um die verlorene Standesehre, um die zerbrochene Zukunft ihrer anderen Kinder, an denen nun der Makel »Lilli« klebe. Und war nahe dabei, Lillis Tun zu verzeihen. Und fühlte dabei doch dies eine mit Erschauern: hier, in meinem Hause war das Feuer entzündet, rot geblasen und geschürt worden, das die Brunst des Weibtiers Lilli in Flammen gesetzt und Aufruhr gegen Eltern in ihre Seele geworfen hatte ...
Und während ich der Gebeugten Trostworte hinhielt und ihrer Haltlosigkeit Stütze zu geben suchte, führte ich – meiner Gewohnheit nach – stumme Selbstgespräche zur Rettung meiner Schuldlosigkeit. Wenn mein eigenes Gewissen mich jeder Verantwortlichkeit entlöste, wie durfte da die Menschengesellschaft kommen und sagen: »Ihre Söhne, der Malerin Henny Bergmann Söhne, haben des Mädchens böse Triebe aufgeweckt, haben sie ihrem Elternhause entführt und sie einem garstigen Abenteuer hingegeben. Das ist nun die Ernte ihrer freiheitlichen Erziehungsgrundsätze! ...«
Ich aber wußte, wie groß die Entfernung von Eltern zu Kindern ist, und daß kein Bogen einer Erziehung weit genug gespannt werden könne, um die Einflüsse des Lebens zu überbauen, um die eigene Tönung des Blutes zu verfärben. Sind Kinder denn nur körperliche Fortsetzung der Zeugenden? Schlafen in ihnen nicht die Begierden vieler Geschlechter, aus denen Eltern und Urureltern von Vater und Mutter her gewachsen sind? Strömt nicht durch sie das Wollen ungezählter Vorfahren, die in ihren Säften weiterwirken? Und blitzschnell entriegelte mein Denken diese Episode aus Kindheitstagen der Vergessenheit:
Wir hatten im Sommerhäuschen am hohen Berge den berühmten Pädagogen zum Nachbarn. Jenen Erziehungskünstler, dem seit Jahrzehnten die Eltern ihre aufsässigen, wissensfeindlichen oder böse beanlagten Söhne zu Zöglingen gaben. Sein Name stand als Hoffnungsschein vor traurigen Vätern. Sein Ruf kam über lange Brücken zu allen enttäuschten Müttern hin. Und Name und Ruf behielten ihren echten Klang. Neben dem leisen Gelehrten wirkte eine stille Frau und spendete den weithergereisten Schülern Behagen und mildes Frauentum. Ein einziger Knabe nur, starkknochig, mit vorgeschobenem Munde und dichtverwachsenen Brauen, sagte Vater und Mutter zu ihnen unter all den fremden Gefährten. Und doppelt zärtlich leuchtete ihm die Liebe und das Vorbild der Eltern ...
Eines Tages hatte der winzige Ort am Berge seine riesengroße Sensation: Karl Z. war verschwunden. Keine Hütte am Hang, kein Haus der Sommerfrischler, das nicht Boten entließ oder selbst auf der Suche war nach dem vermißten Professorssohn. Tag und Nacht und wieder einen Tag und eine Nacht und einen Tag blieb uns Zermürbung und Ungewisses. Am Abend des dritten Tages drang aus dem Bergwald ein krankes Gewinsel, das einer Menschenstimme entstammen mußte. Und wie die Suchenden nahe drangen, lag da, halb entblößt, in Stricke eingebunden, gekratzt und mit zerschundenen Händen der sechzehnjährige Karl. Wegelagerer hatten ihn angefallen, ihn seiner Wertsachen, seiner Stiefel, seiner Jacke und der kostbaren Uhr beraubt, die er für seinen Vater zum Uhrmacher des entfernten Marktfleckens hatte hintragen sollen. Die hellen Lampen der ortsnahen Gerichtsbarkeit aber durchleuchteten das Dunkel und erlichteten das Geschehene und konnten dem großen Erzieher und dem zerquälten Vater die Marterung nicht ersparen: daß der wegelagernde Dieb und sein Sohn ein Wesen seien ...