Wie meine Besucherin dann, von Henno geleitet, den frostigen Vorgarten durchging, stand ich mit zerstörtem Gefühl vor meinem ältesten Sohne und forderte Rechnung von ihm über seine Haltung zu Lilli und Ellinor. Er wies meine Anschuldigungen, die früher gedachten und nun verkündeten, beruhigten Gesichtes und in seinem alten hochmütigen Ton zurück. Wie ich Lilli, das Rassepferd, vor die behäbige, verschollene Karosse ihrer Voreltern spannen wolle? »Auch ein Rassepferd, und gerade dieses,« sagte ich, »bedürfe sorgsamer Einschulung, damit es seinen Zwecken diene. Lilli aber, die immer Untätige, die Gedankenarme, handle aus Mangel an Wissen und aus Mißverstehen der Neuheitsideen, die er ihr verkündet und die vielleicht durch die verstaubten Anschauungen ihrer Eltern bessere Nahrung gefunden hatten. Sie alle aber seien zu jung, zu sehr Stürmer, um zu ahnen, wie bald Lilli einem ernsten Wirken hingeführt werden müsse. Älter geworden, hätte sie besser die Möglichkeiten ihres Weib-Erlebens gekannt und wäre nicht wild irgendeinem vagen Zauberbild nachgerannt.«
Ludwig hörte mit abwärts gezogenen Mundecken zu und seine eingekniffenen Augen fragten, warum ich mir so unnütze Mühe und Worte mache?
Da sank meine gewaltsame Ruhe nieder. Und ich ließ ihn mein aufgebrochenes Herz sehen und schluchzte über das kleine Mädchen Ellinor, der so viel Weh hier, gerade von mir, von meinem Kinde, gekommen sei. Und malte ihm ihr verwühltes Gesicht und wie ihr kleiner Leib vor Schmerz in sich zusammengekrochen sei vor dem Bilde, das er mit Lilli gesessen habe. Und weinte ihm meine Qualen zu um die Zerstörung ihrer Kinderillusion, um das Leid, das meiner Freundin nun werde, und um das der strengsittigen Eltern Lillis.
Geschah es um mich? Um Sabine? Um Ellinor? Um Groddecks? Mund und Augen Ludwigs wurden ernst. Seine Stimme aber murrte, während er ausführte, wie ich unmöglich die Mädchen von heute meinen Auffassungen angliedern könne. Keine, aber nicht eine einzige, die über Liebe anders denke als er, die sich dem Augenblicke versage, wenn ihr Blut sänge. Ob diese Zeit mich nichts mehr gelehrt habe? Freie Liebe, freie Lust für alle, ohne Gewissensansprüche, ohne Zeitbedingnisse. Älter werden sollte Lilli? Zu welchem Ziele? Mündigkeitsfrist sei nach den Gesetzen von ehemals erklärt. Die neuen Geboteschreiber würden andere Grenzen ziehen, mit sechzehn Jahren sei jeder Geschöpf für sich allein, und nicht den Erzeugern, nicht dem Staatswesen hörig, sobald er sich uneins mit ihnen wisse ...
Ich widerlegte seine allzuviel gehörten und zu wenig bedachten Theorien, indem ich ihm Ellinors Erschütterung wiederzeigte, und dabei entkam mir die Frage, wie sich sein ferneres Verhalten zu ihr bilden würde?
»Das läßt sich keinesfalls vor einem neuen Wiedersehen bestimmen, kleine, neugierige Frau Mama,« sagte Ludwigs Stimme in ganz gewandeltem Klang. Seine Augen überschien ein huschendes Geflimmer. Sein Mund öffnete sich. Und es umgab ihn jenes Lächeln, das einer törichten Eitelkeit, gesättigten Trieben und irgendeiner Vorstellung neuer geheimer Freuden entstammte, von denen man zwar nicht spricht, die man aber gar zu gern von seinen Gesichtszügen ablesen läßt. Jenes unsaubere, perfide Lächeln des Manntiers, das ich so grenzenlos verachte.
Das Lächeln verbreiterte Ludwigs Mund. Und zwischen sein klaffendes Rot schob sich das Weiß der beiden vorgebauten Vorderzähne ...
Da geschah mir das Unbegreifliche: ich haßte das andere Geschlecht in meinem eigenen Sohne.