Die Menschen, die zu Hause geblieben, hatten viel vom Tode gehört in diesen Jahren. Hatten ihm Vater und Gatten und Söhne und den Liebsten gegeben. In Zorn, in schmerzender Auflehnung, in patriotischer Heldenhaftigkeit, in frommem oder stumpfem Ergebensein. Aber sie hatten ihn nicht selbst in ihrem Rücken gespürt, den letzten Besucher. Nicht sein Schleichen in windiger Nacht auf den Treppen. Nicht das Lauern seiner hohlen Augen auf ihrem blütigen Jugendgesicht. Nicht den Fang seiner dürren Eiseshände nach ihren warmen Gliedern. Nicht das fiebernde Feuer, das er durch hungerverheerte Körper hetzt.
Nun erfuhren sie, wie Todesfurcht tut. Nun kam gar einem, dem man nie genug der jungen Todesbeute zum Feld des Schlachtens gesandt hatte, die bleiche Angst vor dem eigenen Auslöschen. Nun glitten sie grauwangig an den Häusern hin und kauften Arzneien zum Vorbeugen und suchten vorzeitigen Schutz bei Ärzten und bei den Starken ihrer Bekanntschaft.
Die Obrigkeit und die Verwalter der Volksgesundheit setzten ihm ein kleines, harmloses Hütchen auf und gaben ihm einen freundlichen Namen. Er aber flog mit diesem unschuldigen Passe »Die Grippe« über die Lande und lehrte die Fröhlichen und die Mürrischen, die Feigen und die Gefahrsuchenden, die Gedankenlosen und die Allzubedachten, lehrte sie alle: die Lebensnacht anbrechen zu wissen und – den Sang des Lebens im Blute – zu fühlen: ich versinke! ... Und seine Bevorzugten, die am liebsten Hinterlisteten blieben die ganz Jungen ...
Wir hörten es hier und dort einmal. Und schon verfiel Henno dem Fieber. Sein frisches Jungenblut wehrte sich lange gegen der Seuche Übermacht. Und doch war sein Körper dann eine einzige Feuersbrunst, die ihm Gedanken und Selbstbestimmung verbrannte, daß er die Hände über die Decken wälzte und seinen Ruhm endlich anfühlen wollte, daß seine kranke Stimme nach Erleuchtungen schrie, nach Bildern, die er auf Wände und Stoffe setzen wollte, mit nie gemischten, unverlöschbaren Farben, damit die Menschen heute und in weiter Zukunft vor seinem Namen und vor seiner Meisterschaft hinsänken in die Knie.
Vor diesem zwiefachen Kranksein meines Jüngsten verwandelte sich mein Herz, das die Kälte der Kinder wintern gemacht hatte, und stürzte frühlingshaft vor sein Leidensbett. Ich hielt seinen schwanken Knabenkörper in den Armen und sprach ihm mit meiner Stimme aus jungen Muttertagen Friede zu. Ich baute ihm Schlösser zu den Sternen auf und ließ von allen Planeten Anbeter seines Genies herabsteigen und ihn bekrönen.
Und wie sein siecher Körper sich erneut dem Leben entgegendehnte, mit beruhigtem Sinn, und alle Fährnis zurückstieß in starkem Wollen, unterdrückte die Krankheit Ludwigs hartnäckigen Widerstand. Und der Hoffärtige mußte durch eine fremde Gewalt abwehrlose Mißhandlungen dulden und lange schweigen und konnte dann nur flüstern, die Augen voll Müde und einer leisen Beschämtheit.
Viele Jahre fielen hinter mir zusammen. Und aufgerollt lag vor mir eine alte, weite Zeit. Ich belauschte wieder in Bangnis und in Trauer den Atem meiner kranken Knaben. Ich wartete ihrer Tag um Tag und Nacht um Nacht. Ich hütete die schwanke Flamme des gelbmatten Krankenlämpchens. Und die Winterwinde bestürmten die Stadt und unser Haus im Garten, während mir märchenferne Lieder zufielen. Einmal klang ein vergessenes Wort auf: »Und wenn er mir tausendfach unrecht tut – ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind ...« Und noch: »Ich verstehe unter Sohn ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß ...«
Das war ja jüngste Gegenwart, die da in unser welt- und zeitfernes Krankenheim einbrach, die mich dieses hören ließ ... Schon einmal ... Und dann erinnerte ich mich, daß es der Kommissar aus jenem jungen Drama war, der diese Worte zu mir gesprochen, und daß ich ihm hatte folgen wollen.
War der Wille, meinen Kindern zu dienen, nicht machtvoll genug gewesen? Was hätte ich beginnen sollen, um ihre böse Abkehr von mir zu hindern, ihre betörten Handlungen zu vereiteln? Wie die Mißformen ihrer Vorstellungen umgestalten? Warum denn war dieses trotzige Nachtragen in mir, seit ich meine Söhne mir fremdgeartet wußte? Weshalb mühte ich mich nicht, ihrer persönlichen Art nahezukommen? Wieder und wieder? Sollte Liebe zu unseren Kindern auch nur höchstentwickelte Eigensucht sein? Durch die wir unsere Körperformen, unsere Beanlagungen, unsere Gedanken in ihnen wiederlieben? Und wäre es möglich, daß sie bei sehr großem Abstand einmal versagte? ...
Die Nordstürme bliesen so schaurig in dieser schwarzen Stunde der Nacht. Ich nahm mein großes Weh in leise Hände und trug es dem schlafenden Henno zu. Und die zärtlichen Hände liefen über die seinen und sollten ihm in seinen Traum sagen: »Siehe, du, der werdende Künstler, du mußt meine Flucht vor eurer brutalen Gewaltsucht, vor euren reuelosen Abenteuern und Gieren, vor dem Mangel an Scham verstehen, mit dem ihr eurer Mutter das traurige Gebot kündet: ›Das Alternde wird überrannt.‹«