Der Traum, den Henno träumte, aber war stärker als meine Flüsterworte. »Aus dem Wege, ihr alle!« überschrie er plötzlich die stürmenden Winde vor dem Blaß des Fensters und packte wild meinen Arm an.

Da wußte ich, daß auch die künstlerische Gemeinschaft, die Henno mit mir band, keine Gemeinsamkeit sei, daß Kunst bei ihm erdebeheimatet bliebe und Ruhmsucht und Marktgeschrei heißen würde, und daß er meine sternennahen Entzückungen: das Erträumen, das Erfinden, das Erschaffen als Glück an sich nie kennen, nie verstehen, nie ersehnen würde.

»Aus dem Wege, ihr alle!« rief er uns auch ohne Worte zu, sobald er das Bett verlassen konnte. Das Hauswesen mußte sich seinen Arbeitsstunden, den willkürlichen, zupassen. Ludwigs Gäste wurden aus der Söhne Zimmer gebannt. Und Ludwig selbst, der immer Spöttelnde, der immer Neinsagende, durfte, kaum genesen, seine eigenen Wünsche im eigenen Heim nicht zur Wirklichkeit machen. Auch er sagte dem jüngeren Bruder: ja! ...

Ich aber zog in mein lichtgefülltes Zimmer heim und holte die unerlösten Vorstudien jenes Balles aus meinen Schränken. Und entlas ihren Andeutungen die mehlbleichen Hanswürste und die scharlachroten Dirnen, die Feuer der Lampen, die von Fratzen beschatteten Spieltische, die tanzenden Tiermasken und die Farbenschreie der Gewänder. Und begann den ganzen schrillenden Revolutionsball aufzuwecken. In Einzelfiguren und in Gruppen und in Zieraten, die sich einem großen Bilde einordnen sollten.

Es erstaunte mich, daß Henno immer häufiger in mein Zimmer trat, daß er seine Arbeit stundenlang ruhen ließ und mir mit dunkelnden Augen zusah.

XII.

Den 10. März 1919.

Regen liegt schon lange über der Stadt, mit trauriger Melodie. Aber zwei Tage lang blutete Brudermord, daß seine graunassen Ketten sich feuern färbten und der sehnliche Singsang Wehegeschrei ward. Der Krieg, der durch wundersame Fügung in milder Wendung diese Stadt hatte liegen lassen, war nun durch Brüder hineingehetzt worden. Wie Gift, durch Freundeshand heimtückisch in einen einst geliebten, siechen Körper getragen, um ihn ganz verelenden zu machen. In früher Morgenkälte schon rollten Kämpfe. Kostbares Leben entströmte, durch Aufrührer verspritzt. Stadtteile wurden Nester von Rauch. Fenster zerbarsten. Mauern schauerten. Und die nackten Bäume erbebten und schüttelten ihre frierenden Häupter.

Es gab Neugierige, die ihr sicheres Haus ließen und ausgingen, solches Schauspiel zu besehen. Manche kamen verstümmelt, manche gar nicht mehr heim. Sicherheitswachen warnten. Aber die böse Lust nach lärmenden Eindrücken überschrie Vernunft und Warnruf. Andere irrten durch langgewohnte Räume. Ihre Augen liebkosten manches Stück Hausrat. Ihre Gedanken wühlten in öder Pein Wogen der Erinnerung auf, die sich über das Meer ihrer Schmerzen hinwegwälzten, jeden Augenblick fertig, unter brennenden Trümmern oder durch eine Kugel zu verenden.

Auch diese Tage gehören dem Vergangensein an und wurden Beute der Sprechlüsternen. Solcher, die alles lange vorausgesehen hatten und es gut befanden. Und solcher, die es bekrittelten und noch lange Tage vor Furchtsamkeit schlotterten. Und alle nahmen teil an dieser und an jener Gruppe der Streiter. Und diese und jene erhofften gerechten Ausgang durch Mordgewalt. Und bedachten nicht, daß nur eines Friede wirken kann und Gerechtigkeit: in Verständnis dem anderen nahezukommen. Mit großem Bemühen, selbst auf langen, unschönen Wegen. »Den anderen zu lieben, wie sich selbst,« dahin werden Menschen wohl noch tausende Jahre wandern müssen. Ihn zu verstehen, seine Art, seine Lebensbedingungen zu achten und zu fördern, wie die eigenen, das muß vornehmste Aufgabe des Geschlechtes von heute und von morgen sein.