Solches Geschehen und Betrachten hatte mich aufgetrieben vom Heim und meiner Schaffensverzückung und zu Sabine hin, denn länger konnte ich Sorge und Unkunde um Ellinor nicht tragen.

»Ob ich nicht wisse, daß Fräulein krank sei?« staunte das Hausmädchen an der Eingangspforte, »schon zwei Wochen lang oder mehr.«

Sabine empfing mich in ihrem Wohnraum. Ihr graublasses Gesicht ertrank im Halbdämmer des Spätnachmittags. Die Schmalheit ihres Körpers in diesen kurzen Wochen des Ferneseins war beängstigend geworden und klagte meinen Sohn hart und laut an.

Ich senkte den Kopf tiefer als ein überführter Verbrecher. Meine Beredsamkeit als Verteidiger entfernte sich jäh von mir und ließ mich mit meinen Theorien allein auf weiter öder Steppe. Dort saß ich, meiner Freundin fern, beladen mit der Freveltat meines Sohnes und wußte kein einziges Wort.

»Du schweigst schon um ihrer Erkrankung willen und weißt noch nicht das Schlimmere,« klagte Sabine nach banger Stille.

Ich wollte meiner zusammengedrückten Kehle ein paar Laute entquälen, ihr sagen, sie anflehen ... Da sprach sie schon weiter mit schwerem Ton. Wie die Krankheit das Kind plötzlich gepackt hätte, mit Fieber und schauernden Frösten. Wie sie nun – auf dem Wege zur Genesung – eine andere geworden sei. Eine starke, entschlossene Frau, die keine Träne mehr habe vor dem schwarzen Marterkreuz, das sie ihrer Mutter aufbürde mit dem festen Vorsatz, ins Kloster zu gehen. Im Frühling schon, nach beendeter Schulzeit, zu ihrer Tante, die Äbtissin sei im klösterlichen Verband zur heiligen Barbara, und daß sie trotz inbrünstiger Mutterbitten kein Wort verrate, worum dieser Entschluß ihr gekommen sei.

Ich hörte ihr, ins Finster meiner Gedanken gestürzt, zu. Erkennend, wie weit auch dieses kleine Mädchen von ihrer Mutter fortgegangen war, seit sie die Trauerkrone der Liebe trug. Und mein Herz krümmte sich zusammen vor diesem Elend: daß Vertrauen und Mitteilen aller Kinder zu Fremden hingehe. Und wußte mir in diesem Dunkel immer wieder nur den armen Trost: daß ein ganzes Menschenalter, und die scheue Scham vor diesem fremden Alter das Kind von seinen Eltern trenne, und daß die rührsamste Liebe kein Steg darüber sei ...

Und dennoch hörte ich mich kranke Trostesworte hinsagen, jeder Überzeugung leer. Verstummte aber vor der schleichenden Pein, mit der Sabines Blicke fragten, warum ich sie belöge. Da bat ich sie zu bleiben, damit Ellinor vor mir allein ihre grausamen Entschließungen begründe.

Als ich plötzlich und ohne Meldung in ihrem Zimmer war, saß sie aufrecht in ihren weißen Kissen, die messerschmalen Hände um ein Betbuch gelegt. Aus teerosenbleichem Gesicht starrten ihre Augen mich verdunkelt an. Ihr Körper, winziger noch geworden, fiel ohne Halt vorneüber und Tränen tropften auf Finger und auf Buch.

Auf einmal kam aus unsagbaren Weiten ihre Stimme zu mir geflossen. Ihre novemberne Kinderstimme als Fräulein, die seltsam schwingend zu Ludwig gesprochen hatte: »Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht ein Opfer brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin, aber das muß wohl so sein. Welche Seligkeit, auf der schwankenden Brücke der Lust!«