Ich faßte ihre Kinderhand und hielt sie sprachlos fest. Was hätte ich reden können, damit ihr Leid um meinen Anblick sich verringere? Wir saßen wohl eine halbe Stunde lang und sagten nichts. Und doch fühlte ich, wie der große Aufschrei ihres Herzens schwächer ward, wie ihr Blut sich besänftigte unter der schweigenden Kosung meiner Liebe.

»Daß beide Söhne dir so fremdgeartet sind!« sagte Ellinor aus einem Nachdenken heraus.

»Das beschäftigt auch mich seit Monaten,« gab ich staunend als Antwort, schwächte das Gesagte aber ab: »Jahrzehnte an Altersunterschied verwischen die Ähnlichkeiten.«

»Es ist nicht dies, daß sie so anders wurden,« erwiderte das Mädchen, beharrlich ihren Gedanken weiterführend, »auch ich bin ein Geschlecht jünger als mein Vater. Kaum kenne ich ihn mehr. Seit er im Kriege, blieb ich unbeeinflußt von ihm. Und doch fühle ich, wie seine Art in mir auflebt.«

Und als sie mein Aufmerken sah:

»Mammi hat dir sicher von meinem Entschluß gesagt. Wie sollte mir sonst diese Sehnsucht kommen, wenn nicht von ihm? Meine Mutter, die Mitschülerinnen, meine Freunde, alle neigen sie weltlicher Weise zu ... Alle werden sie meine Wahl töricht, kindhaft, voreilig benennen ... Er aber, mein Vater, der Dichter und fromme Katholik, wird wissen, daß es nicht Enthaltsamkeit, daß es Wonne ist, die mich dorthin, zu den heiligen Freuden gehen heißt ...«

»Du bist zu jung noch. Deine Entschließungen dürfen nicht heute schon dein ganzes Leben binden,« unterbrach ich sie. Und die Schuld meines Sohnes krallte sich in mein Herz.

»Jung?« fragte sie. Und ich erinnerte mich, daß das gleiche Wort, so gedehnt und abweisungsvoll schon einmal zu mir gesprochen war. Und wie ein Schemen flog Gert Driesen an mir vorüber. »Jung? Es gibt Menschen, die kaum als Greise altern. Und es gibt Junge, die ein Tag alt und weise werden läßt. Oh, ich weiß das Leben der Welt jetzt,« rief sie und ihre tote Haltung wandelte sich und wurde lodernde Empörung: »Soll ich es dir sagen, damit du meine Bestimmungsreife erkennst? Das Leben der Welt da draußen heißt Krieg, Revolution, Diebstahl, Mord, Lüge, Falschheit und Wortbruch. Ist Grausamkeit, Eigensucht und Genußbegier. Ist alles, was einen häßlichen Namen führt. Und selbst die schönbenannten Dinge tragen nur lose Hüllen und offenbaren bei geringer Wendung ihre geheime Garstigkeit ...

Dort aber, vor jener Stätte, die mein Leben einschließen soll in ihre ewige Heiligkeit, bleibt alle dunkle Last des Lebens zurück. Dort werden die Leiden und Züchtigungen der Erde in trunkene Lust verkehrt. Dort ziehen die Tage vorüber, weiß und unschuldig, wie eine Prozession feiertäglicher Firmelkinder und blicken uns an mit edelsteinreinen Augen. Dort, hinter jenen Toren der stillen Glückseligkeit, verschweben die Stunden auf den sammetnen Sängen der Nonnen und der frommen Orgeln und schmiegen uns in sanftblaue Weihrauchdüfte. Dort stützen die Heiligen unsere Herzen, daß sie nimmer im Erdenmeere des Leides ertrinken. Dort heben uns die zum Menschheitsheile Geopferten empor, damit wir nie mehr im Abgrund der Einsamkeit versinken. Oh! Wären die Monate schon gelebt, die mich von jener mondleisen Bleibe scheiden! Daß ich nur noch die gefestigten Mauern des süßen Asyls, meine Augen die Welt nur noch durch verdämmernde Kirchenfenster schauen! ...«

»Kleine, süße Ellinor!« flehte ich, »bleib bei uns! Nur eine kleine Wartezeit! Vielleicht, daß du hier etwas findest: Deine Kunst zu dichten, einen geliebten Menschen, die du mit gleich schwärmerischer Sehnsucht umfangen könntest. Bedenke, es gibt keine Rückkehr von dort! ... Es sei denn, unter unfaßbaren Opfern ...«