»Ich ... bit ... te ...« Dreimal hob seine Brust sich, um die Silben deutlich werden zu lassen.
Der Brief war aus Berlin und von Gert Driesen geschrieben:
»Armer Kurt-Georg!
Du hast noch eine weite Strecke zu pilgern, ehe Du zu dem Ziele kommst, dessen Türe ich sogleich öffnen werde. Ich muß Dich für diesen Anfang um Verzeihung bitten und für die Banalität, die dahinter steht: ›Wenn Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr!‹ Aber was ist denn unser ganzes Leben anderes, als eine große gähnende Banalität? Und wozu sich die Mühe nehmen, sie schönzeichnerisch zu umranden? Solche Effekthascherei überlasse ich jenen, die noch die vage Kühnheit besitzen, sich dieses Leben gelb, rot, grün oder blau malen zu wollen. Ich sehe es, wie es ist: eine schmutziggraue, abgestandene Lache.
Warst Du nicht mit in Henny Bergmanns Salon, wenn ich meine Eindrücke vom Kriege hersagte? Hinter diese Erinnerungen hätte ich den dicken Punkt setzen müssen. Nach der Rückkehr aus jenem Unrattümpel war ich jenseits aller Erwartung angelangt. Und selbst die andere Hälfte, aus der unser Sein besteht und die sich Enttäuschtwerden nennt, war mir nur noch als Zustand für Säuglinge bekannt. Da kam die rote Flamme Lilli, höhnend, immerzu lockend, eine maßlose, ungeheure Versprechung! Und – die Möglichkeit einer Aufrüttelung vor mir – folgte ich diesem flimmernden Irrlicht in neuen Morast.
Leonhard Kauffmann befreite mich von ihr und von meiner Fadheit. Er, der den Krieg von der anderen Seite gesehen, hatte das Kinderfieber, von einer Frau Erlösung zu erhoffen, oder Glück oder wie man es sonst heißen mag, noch nicht hinter sich. Die Seuche wird ihn, fürchte ich, verheerend hinwerfen. Denn Lilli kann nicht bei ihm enden, wie sie bei mir nicht angefangen hat.
Ich gehe also vor diesen langweiligen Wiederholungen, die sich Leben benennen, davon. Bin neugierig, ob dort etwas Merkenswerteres anzusehen ist! Ich habe Bewunderung und Bedauern um Eure Auffassung.
Daß es Euch wohl sei! In Eurem Sinne!
Gert.«
Kurt-Georgs Augen hingen an mir, schwer von ungeweinten Tränen.