XIV.

Den 9. April 1919.

Ich weiß, sie alle würden sagen: »Es konnte nur so werden, bei Frauenerziehung und da der Vater fehlte!« Ich aber würde sie mit der Frage schlagen: »Und Lilli von Groddeck? Und Karl Z.?« War Lilli nicht die erste Leben gewordene Hoffnung eines Elternpaares von beamtenstarrer Gesittung und altbewahrter Frommheit? Hatte Karl Z. nicht den berühmtesten, den erfolgreichsten Pädagogen zum Erzeuger und als tägliches Beispiel vor sich?

Immer schon war, solange die Welt atmet, Umsturz in gärenden Kinderschädeln um die Wende ihres Flüggeseins. Immer schon starrte ihr Ungestüm zur Spitze des Berges hinauf, ob ihre Vorderen nicht oben angelangt seien, und wann ihr Abstieg begönne, damit sie selbst sich, weite Abstände überspringend, zu ihrem Platze hinaufschwängen. Nie aber schien mir die Brutalität so weit gegangen, den langsam Hinabwandernden Steine nachzuwerfen, um ein Rückblicken, ein Stehenbleiben zu behindern, nie die Bedenklosigkeit, Bosheit gegen Liebe zu geben, so groß, wie bei dieser Jugend des Krieges und der Revolution.

Gewiß, es gab und es gibt andere Kinder. Aber sie sind vereinsamte helle Lichter auf dem dunklen Gemälde der Gegenwart. Und so viele Empörer überschreien sie, daß sie sich mit ihrer Furcht, zurückgeblieben zu scheinen, verstecken.

Als unerbittlich Fordernder stand Ludwig vor mir, gestern, da er in harten, mißschönen Worten erneute Verpflichtungen bekannte, eine Summe verlangte, welche uns mehr als ein Jahr Unterhalt sein muß. Er las aus Blick und Schweigen mein Erstaunen, meine Abwehr. Wollte einlenken, indem er dies sein Erbteil nannte, das ihm bei Mündigkeit ohnehin zufiele, und mich bat, mit dieser Ansicht als seiner unabwendbaren Haltung zu rechnen. Ohnehin würden Henno und er bald selbständig sein.

Ich dachte an die langen Jahre, die diese Studierenden noch gehen mußten, bis Wissenschaft und Kunst sie mit Brot belohnten, während sie jetzt schon Kuchen verkrümelten und Weine verschütteten, und daß ihr winziges Vermögen nicht den geringsten Teil von diesen Lebensansprüchen deckte und von denen, die die Not dieser Jahre brauchte. Ich dachte seiner früheren Schuld, meines ersten Opfers und seiner Hoffart bei unserer Auseinandersetzung. Wie demütigend wäre ein nutzloses Wiederholen!

Und wieder tat ich den Gang in die Stadt unter tiefhängenden Wolken. Diesmal als Bittende bei zuwideren Berechnungen, Zusammenstellungen und Findigkeiten, deren Ziel nur das gleiche geblieben war: Ludwigs nächtliche Verfehlungen auszutilgen. Und wie graue Aprilschauer prasselten, wie ich weiterhastete, unter Schloßen und widrigen Winden, die die anderen Menschen von den Straßen vertrieben, verfielen lange Jahre, weil an einem solchen Aprilanfang mein Ältester seinem ersten Schulzwang gehorchen mußte und mich mitzwang. Ich war von einer Krankheit genesen. Aber sein Weinen war stärker als meine Bedenklichkeiten und des Arztes Verbote. Ich spürte seine angstheiße Kinderhand in der meinen. Seine tränenbeladenen Blicke zogen mich unwidersprechlich zu seinem Willen hinüber. Und meine Zärtlichkeit, meine liebegroßen, verschmitzten Überredungskünste verzauberten seinen ersten harten Gang im Leben durch die menschenentleerten Gassen bei schmerzendem Windes- und Regentreiben, daß er an der Schwelle des Schulgebäudes das Gelübde sprach, unhaltbar wie alle Gelübde auf lange Dauer: »Mit dir werde ich immer, überallhin gehen, wo du willst ...«

Hieß das Leid der Erde nicht von allher Mutter sein? Wie ein Fremder hatte er mich angeschaut. Wie ein Fremder seine Worte gefügt, gestern, als er uns für Jahre hinaus auf meine Arbeit stellte. Eine Arbeit, die von ungezählten Zufälligkeiten abhängig war, und die schon die Mutigsten von hohem Künstlertum zum Kunstfabrikanten erniedert hatte. Müßte ich nur für meine eigenen Tage Sorge tragen, was täte das? Aber die Jahre ihrer Studien bedrückten mich wie banger Nachtalp. War nicht ohnehin oft genug die Künstlerin, die Kunstschaffende in mir von Mutterpflichten verdrängt worden? Durch Zeitverluste, Stimmungsumschwung und unbenennbare kleine Schatten?

Vielleicht auch die Mutter durch die Künstlerin? fragte es irgendwo leise in Kopf oder Gewissen. Ich wollte gern Rechnung ablegen. Wer aber war der gerechte Entscheider? Hatte ich nicht immer ihr Menschsein geachtet vom ersten Tage an, bewußt der Verantwortung, die Vater und Mutter beim Vorhandensein eines neuen Wesens auf sich nehmen? Hatte ich nicht ihr Werden, ihre Art uneingeschränkt sich entwickeln lassen? Was entzog ihnen die Künstlerin? Nichts Faßbares ... sicherlich. Vielleicht doch den vollen Ton eines Liebeswortes, wenn meine Urheimat: der Traum mich gefangen hielt? Vielleicht doch ein aufmerkendes Hinhören vor der neuen Offenbarung einer Farbe oder eines Gedankens? Vielleicht auch nur wenige Minuten durch mein Enteilen, sie rasch auf Papier zu bringen, während das Kinderherz noch die Mutter brauchte ...?