Am folgenden Morgen ging er früh auf den Berg, suchte eifrig nach dem Pfad zu der Höhle, aber konnte ihn doch nicht finden. Tagelang suchte er vergeblich, und endlich erzählte er Alles einem alten Nachbarn, der ihm sagte:

„Ach, du hast ja den Kaiser Friedrich Barbarossa gesehen! Meine Mutter erzählte mir schon vor langen Jahren, als ich noch ein sehr kleiner Bursche war, daß der Kaiser nicht gestorben sei, wie die Gelehrten es in ihren dicken Büchern geschrieben. Er ist nach dem Heiligen Lande gezogen, auf einem Kreuzzug, und viele Leute erzählten damals, daß er in einem Fluß ertrunken sei, aber meine Mutter behauptete immer, das sei nicht wahr, und sagte mir oft, daß er unter dem Kyffhäuserberg schlafe. Ja, sie hatte doch Recht, siehst du, und sie sagte auch, daß der Kaiser dort mit seinen Helden lange schlafen würde. Nur einmal in hundert Jahren löst sich der Bann auf einige Minuten. Dann schickt der Kaiser den Zwerg hinaus, um nachzusehen, ob die Raben noch um den Berg fliegen. Wenn sie nicht mehr herumfliegen, wird der Kaiser wissen, daß die deutsche Freiheit und Macht in Gefahr ist. Dann wird der rote Bart den Marmortisch dreimal umringt haben. Alsdann wird der Kaiser aufspringen, den Kriegsruf durch den Berg erschallen lassen, und dann werden die schlafenden Helden erwachen, ihre Kriegsrosse besteigen, und von dem Kaiser geführt, aus dem Berg heraus steigen!

„Dann wird der Kaiser seinen Helm auf dem Kopfe haben. Seinen Schild wird er auf einen dürren Birnbaum hängen, der sogleich wieder blühen und Früchte tragen wird. Dann wird der tapfere Kaiser für das liebe Vaterland streiten, die Feinde besiegen, und Deutschland wird, Dank dem Kaiser Friedrich Barbarossa, frei und noch mächtiger und größer sein, als je zuvor.“

Der Bauer hörte diese Prophezeihung mit Freuden, aber trotzdem er manchmal suchte, konnte er weder die Höhle noch solche schöne blaue Blume finden, wie diejenige, welche er an dem nebeligen Morgen gepflückt.

6. Das Neujahrslied.

Das Dorf B. liegt in einem schönen Thale, wo man grüne, mit herrlichen Blumen bestreute Wiesen sehen kann, und wo die Nußbäume ihre kühlen Schatten werfen. Von dem Dorf aus geht ein Fußweg den Berg steil hinauf, und diesem Fußwege entlang stehen mehrere ärmliche Häuschen mit kleinen Ställen.

Das kleinste Haus von allen steht am höchsten. Die Thür des Hauses ist sehr niedrig. Das Haus hat nur zwei kleine Räume (Zimmer), und der Stall dahinter ist auch sehr klein. Wenn die Ziege, die hineingeht, nicht so mager wäre, könnte sie unmöglich Platz genug darin finden.

In diesem Häuschen hat der Joseph gewohnt, aber er ist schon seit vier Jahren tot und nun wohnen seine Frau und zwei kleine Kinder allein da.

Das ältere Kind, ein gesunder, starker Bube (Knabe) heißt Sebastian oder Basti, wie ihn die Mutter nennt, denn der Name scheint zu lang für einen so kleinen Buben. Er ist jetzt sieben Jahre alt und sehr stolz auf die zarte, goldlockige, fünfjährige Schwester Franziska. Diesen langen Namen haben Mutter und Bruder nach der Sitte des Landes zu Fränzchen abgekürzt, wenn sie das kleine lockenhaarige Kind anreden.