„Du bist jetzt kein kleines Kind mehr, und du sollst deinen Vater trösten, wenn ich nicht mehr da bin. Du sollst auch das Haus leiten, und vergiß ja nicht, daß eine Herrin für Vieles verantwortlich ist. Du sollst deinen Leuten als ein Muster von Frömmigkeit, Arbeitsamkeit, Wahrheit und allen Tugenden dienen. Bete oft, mein Kind, und der liebe Gott wird dir helfen, deine Pflicht zu thun. Aber vergiß ja nicht, daß du immer Wort halten mußt, und daß der Heiland uns selbst geboten hat: [Füge] keinem Anderen zu, was du nicht willst, daß man dir thu’.“

Als die Mutter so gesprochen, versprach Rosa mit Thränen, Alles zu thun, und ihre Lehren nie zu vergessen.

Nachdem die gute Mutter ihr noch viele gute Ratschläge gegeben, verschied sie noch ehe der Ritter von Tannenburg heimgekehrt, obgleich er so schnell wie möglich aus dem Krieg kam, um seine geliebte Frau noch einmal zu sehen.

Natürlich waren Rosa und ihr Vater sehr, sehr betrübt, aber da sie doch beide gute Christen waren, dankten sie Gott, daß die liebe Gattin und Mutter glücklich im Himmel wohnen konnte, und beteten oft, daß auch sie einmal dahin kommen könnten. Einige Tage nach dem Begräbnis mußte der Ritter wieder in den Krieg ziehen, und die arme Rosa blieb allein im Schlosse Tannenburg, mit ihren treuen Dienern.

Da sie jetzt den Haushalt besorgen und dazu allen Kranken und Armen beistehen mußte, war sie immer beschäftigt, und als sie jeden Abend in die Schloßkapelle ging, um auf dem Grabe der Mutter ihr Abendgebet zu verrichten, war sie sehr einsam. Sie dachte, daß der Vater vielleicht noch lange im Auslande bleiben würde, und war sehr überrascht, als er eines Abends im Herbst spät nach Hause kam. Der arme Ritter war schwer verwundet, und den rechten Arm konnte er in Folge eines Schwerthiebes gar nicht brauchen. Er war nach Hause gekommen, um von diesen gefährlichen Wunden zu genesen.

„Es kam mir sehr ungelegen, liebes Kind,“ sagte er. „Ich hätte meinem Kaiser doch beistehen mögen, aber Gottes Wille geschehe. Ich werde hier bei dir bleiben, bis ich genesen, und dann werde ich wieder in den Krieg ziehen, wo einer meiner Freunde meine Truppen jetzt lenkt.“

Rosa war natürlich sehr froh, ihren Vater wieder bei sich zu haben, und damit er die liebe Heimgegangene so wenig als möglich vermisse, that sie Alles, was ihr möglich war, um ihm das Leben behaglich zu machen, und um ihn zu zerstreuen und zu unterhalten.

Eines Abends, als sie beide allein im großen Saale saßen, Ritter vor dem Feuer, und Rosa am Spinnrad beschäftigt, seufzte der Ritter schmerzlich.

„Ach,“ dachte die liebende Rosa, „der Vater ist jetzt unglücklich. Die Wunde schmerzt mehr als gewöhnlich, und er denkt an meine verstorbene Mutter, die er so zärtlich liebte. Ich muß ihn unterhalten, damit er Schmerz und Verlust ein wenig vergißt.“