Darauf rief sie heiter: „Ach, Vater, wie froh bin ich, dich hier zu haben, und nicht allein bleiben zu müssen. Unterhalte mich, Vater, während ich fleißig arbeite. Erzähle mir etwas aus deiner Jugendzeit. Erzähle mir zum Beispiel (z. B.), wie du die goldene Kette um deinen Hals gewonnen.“

„Ach, mein Kind,“ sagte der Vater lächelnd, als er der glücklichen Jahre seiner Jugend gedachte, „ich habe dir das ja schon mehrmals erzählt.“

„Ach, Vater, die lieben, alten Geschichten kann man nie zu oft hören. Erzähle nur, erzähle!“

„Nun,“ sagte der Ritter, indem er sich behaglich in den Lehnstuhl zurück lehnte, „als ich noch jung war, wurde ich als Edelknabe (Page) an den kaiserlichen Hof gesandt, wo der Graf von Fichtenburg, dessen Türme du von dem Erker aus sehen kannst, auch als Edelknabe diente. Wir waren von gleichem Alter, wurden bald gute Freunde, und wurden an demselben Tage zum Ritter [geschlagen]. Ach, Rosa, das war ein prachtvolles Fest! Alle Leute der Umgegend waren gekommen, um das Turnier zu sehen. Unter den Edelfrauen war keine so schön wie deine Mutter, die erst siebzehn Jahre alt war, und der du sehr ähnlich bist.

„Alle Ritter sollten am Turnier Teil nehmen, und der Kaiser hatte dem Sieger eine goldene Kette bestimmt. Die schönste der anwesenden Jungfrauen sollte ihm dieselbe um den Hals hängen, und Alle wählten einstimmig Mathilde, deine liebe Mutter, zu diesem Amt. Ich hatte sie schon oft gesehen, liebte sie innig und hoffte, ihre Liebe zu gewinnen, darum that ich mein Mögliches um den Preis aus ihrer schönen Hand zu erhalten. Aber, obgleich ich es damals nicht wußte, liebte der Graf von Fichtenburg deine Mutter auch, und auch er war fest entschlossen, den Preis zu gewinnen. Das Turnier fand statt, und ich war der glückliche Sieger. Ich erhielt die goldene Kette aus den schönen Händen deiner lieben Mutter, und an demselben glücklichen Tage versprach sie mir auch ihre Hand. Als der Graf das hörte, war er sehr eifersüchtig und ungehalten, schwor daß ich ihn verraten hätte, und daß er sich rächen werde.

„Er verließ sogleich den kaiserlichen Hof, und seitdem habe ich meinen ehemaligen Freund nie wieder gesehen. Schon manchmal hat er meine Diener gefährdet, hauptsächlich den armen Burkhart, und man sagt, daß er mir noch böse ist, obgleich schon beinahe zwanzig Jahre vergangen, und er vor zehn Jahren eine wunderschöne Gemahlin heimführte.“

Der Ritter unterbrach plötzlich seine Erzählung, denn er hörte Lärm und Geschrei im Schloßhofe. Er sprang auf, um in den Hof zu gehen, aber ehe er einen einzigen Schritt thun konnte, wurde die Thür gewaltsam aufgerissen. Ein Mann in voller Rüstung stand da, und rief mit Donnerstimme: „Ritter von Tannenburg, Sie sind mein Gefangener!“

Als die arme Rosa das hörte, fiel sie dem Ritter zu Füßen und bat inbrünstig, ihren Vater nicht ins Gefängnis zu bringen, wo er sicher sterben würde, da er noch schwach sei und noch nicht völlig von seiner gefährlichen Wunde genesen.