Der Graf von Fichtenburg erwiderte höhnisch: „Vor zwanzig Jahren that ich einen [Eid], daß ich mich rächen würde. Bisher habe ich es nie thun können, aber jetzt, da Ihr Schloß nur von Alten und Verwundeten verteidigt, und Sie selbst krank sind, konnte ich desselben mächtig werden. In einer Stunde werden Sie mich nach Fichtenburg begleiten, wo Sie im Kerker bleiben werden so lange ich lebe!“

Als der Graf von Fichtenburg diese grausamen Worte gesprochen, rief er zwei seiner Krieger, stellte sie vor die Thüre, gebot ihnen, Wache zu halten und den Ritter nicht aus den Augen zu lassen, und ging in die anderen Räume, um zu plündern.

Die lautweinende Rosa und ihr Vater waren jetzt allein im großen Saale, von den zwei Knechten bewacht. Der Ritter umfing seine weinende Tochter mit dem gesunden Arm und sprach leise:

„Rosa, meine Tochter, sei mutig, höre genau zu, und du wirst deinen Vater noch retten können. Das Bitten hilft Nichts; mein Feind ist zu grausam. Er hat dich glücklicherweise nicht einmal bemerkt. In einer Stunde werde ich gebunden nach Fichtenburg gebracht. Der Graf plündert jetzt Schloß und Hof. Er wird unsere Diener alle hinaustreiben, und er wird sie mit dem Tode bedrohen, wenn sie sich meiner erbarmen, oder Jemanden von meinem Zustand hören lassen. Sie werden dir nicht einmal beistehen können, du armes Kind, denn sie fürchten sich vor des Grafen Zorn. Mein Kind, du wirst wahrscheinlich auch in Nacht und Wind hinausgestoßen. Du wirst auch in dem Dorf kein Obdach finden können, denn wie schon gesagt, die Leute fürchten den Zorn des Grafen zu sehr. Sei getrost, Rosa, sei mutig, gehe nur in den tiefen Wald hinein. Wenn du zu der großen Eiche gekommen, [gehe] nach Norden. Nach einigen Stunden wirst du die Hütte eines Kohlenbrenners finden. Er wird dir ein Obdach geben. Erzähle ihm Alles, er heißt Burkhart, er ist mir sehr ergeben. Er weiß, wo alle meine Freunde sind, er wird sie aufsuchen, wird ihnen sagen, wie es mir [ergangen] und ihren Beistand ansprechen. Gehe, mein Kind, gehe mit Gott, dessen Obhut dein Vater dich anvertraut, da er dich selbst verlassen muß!“

Die arme Rosa versprach ihrem Vater, Alles zu thun, was er ihr befohlen, umarmte ihn krampfhaft, aber noch ehe sie Alles besprochen, kam der Graf zurück und befahl den Knechten:

„Führt den Ritter hinaus!“

Die Männer führten den Ritter hinaus, und als sie sahen, daß er zu schwach zum Gehen war, warfen sie ihn, fest gebunden, auf einen Wagen, in den sie ein Bündel Stroh gelegt.

Rosa war unbemerkt ihrem Vater gefolgt. Sie wollte ihn nicht verlassen und stand da, unter den rohen Männern, ihrem Vater tröstende Worte zuflüsternd. Der Graf von Fichtenburg achtete ihrer gar nicht, gab den Befehl zum Aufbrechen, und alle gingen hinaus. Der Graf schloß das leere Schloß selbst zu, und ritt dann an der Spitze seiner Schaar eilig davon. Die arme Rosa folgte, so lange sie konnte, aber, da sie nur Hausschuhe an hatte, und der Weg sehr steinig war, mußte sie bald inne halten.

Die Reiter verschwanden bald in der Dunkelheit und das arme Mädchen, das noch nie allein und zu Fuß ausgegangen war, sah sich ganz verlassen und allein, ohne Beschützer, noch Obdach. Ihre Thränen flossen natürlicherweise, aber da sie sehr mutig war, sagte sie bald zu sich selbst: