„Vater, komm, jetzt bist du frei! Hier sind die Schlüssel, komm schnell!“
„Ach, Rosa, mein Kind, woran denkst du?“ rief der Ritter. „Das kann ja nicht sein. Du hast mir soeben gesagt, daß du dem Pförtner dein Wort gegeben, die Gefangenen gut zu hüten und jetzt willst du mich befreien? Das kann nicht sein. Mein Kind, ich verlasse diesen Kerker nicht, bis der Graf mir die Freiheit schenkt, oder bis meine Freunde mich erlösen. Dein gegebenes Wort ist heilig, obgleich ich unschuldig gefangen bin.“
Rosa bat und weinte vergebens, der Ritter wollte seine Freiheit nicht nehmen, und als es tagte, mußte die traurige Rosa allein hinaufgehen, sich Gesicht und Hände wieder braun färben, Feuer anmachen, und das Frühstück für die Pförtnerin und deren Kinder zubereiten. Dann sprach die Pförtnerin:
„Rosa, heute gehe ich mit beiden Kindern in das Dorf hinunter, um meine Mutter zu besuchen. Du sollst das Essen für die Gefangenen besorgen, und dich ausruhen, da du gestern so viel arbeiten mußtest.“
Die Pförtnerin ging fort. Rosa machte das Frühstück der Gefangenen bereit, aber sie selbst aß nur eine Schüssel voll Suppe und hob ihr eigenes Frühstück für ihren kranken Vater auf. Dann ging sie mit Korb, Schlüssel und Laterne in den Turm. Sie besorgte die Gefangenen pünktlich, wie es ihr der Pförtner befohlen, und kam zuletzt zu ihrem Vater. Sie erzählte ihm, daß sie einen kleinen Garten zwischen zwei leeren Flügeln im Schloßhof gefunden, wo er ungesehen die frische Luft, die er so nötig hätte, genießen könnte, und endlich bewegte sie ihn, dahin zu gehen.
Sie führte ihn ungesehen dahin, ließ ihn im Sonnenschein sitzen, und sprang fort, um seinen Kerker zu reinigen. Den ganzen Tag arbeitete sie, suchte ihren Vater nur auf Augenblicke auf, und als die Sonne unterging, und sie ihn in den Kerker zurückführen mußte, war er erstaunt, die Veränderung zu sehen. Die Wände waren weiß getüncht, das hohe Fenster so klar und rein, daß viel Licht herein kommen konnte, und Alles so rein und frisch, daß der Ort nicht wieder zu erkennen war.
Rosa weinte doch, als der Vater noch hartnäckig verweigerte, seine Freiheit anzunehmen, und ging traurig wieder in die Pförtnerwohnung, wo die Pförtnerin bald eintrat.
Jetzt vergingen wieder viele Tage und da Rosa den Vater nur einige Augenblicke während des Tages sehen konnte, besuchte sie ihn heimlich jede Nacht, um die zwölfte Stunde, obwohl sie immer sehr müde war, da sie den ganzen Tag arbeiten mußte, um die zankende, scheltende Frau zu befriedigen.
Sie mußte auch die Kinder hüten, wenn sie im Schloßhof spielten, wo auch die Kinder der Gräfin, unter der Obhut einer Kinderwärterin spielten. Diese verließ sie oft, um auf die Warte zu gehen, und ein wenig mit den Soldaten zu plaudern.