Eines Tages, als alle vier Kinder in dem Hofe spielten, kam ein kleiner Vogel, um aus dem großen Eimer, der über dem tiefen Brunnen mitten im Hofe hing, zu trinken. Adalbert, der kleine Sohn des Grafen, sah den Vogel, wollte ihn fangen und sprang schnell auf den Brunnen zu. Da er ganz unbewacht war, kletterte er hinauf, und lehnte sich weit hinüber. Der Vogel entwischte der kleinen, haschenden Hand und flog fort, der Knabe aber verlor das Gleichgewicht und fiel in den Brunnen!
Die arme Mutter an ihrem Fenster, die nachlässige Kinderfrau auf dem Turm, sowohl als Rosa, die soeben in den Hof gekommen, um nach den Kindern zu sehen, sahen das Kind fallen. Rosa sprang an den Brunnen, sah hinunter in die Tiefe und entdeckte, daß das Kind nicht in das Wasser gefallen, sondern von einem großen Nagel an seinen Kleidern fest gehalten wurde. Aber das Kleidchen riß schon, und sie sah, daß das Kind verloren wäre, wenn eine rettende Hand nicht sogleich Hülfe brächte. Blitzschnell dachte sie, daß es das Kind ihres Feindes sei, aber zugleich erinnerte sie sich an ihres Vaters Lehren und war entschlossen, ihr Leben zu wagen, um das Kind zu retten.
Sie gebot schnell der Kinderfrau, die Seile fest zu halten, sprang selbst in den Eimer, und obgleich sie nicht wußte, ob die Seile reißen würden, rief sie ängstlich:
„Laß mich schnell hinunter, sonst ist das Kind verloren!“
Die Kinderfrau und der Wächter, der auch herbei geeilt, thaten, wie sie ihnen befahl, und als der letzte Faden des kleinen Rockes eben zerreißen wollte, fing Rosa das erschrockene Kind in ihren Armen auf.
„Hinauf! Zieht uns hinauf!“ rief sie und die Beiden zogen den Eimer hinauf.
Die angstvolle Mutter am Fenster, die vor Schreck kein Glied rühren konnte, sah den Eimer herauf kommen, und Rosa mit ihrem Kinde darin. Aber alle Gefahr war noch nicht vorbei, denn die Öffnung des Brunnens war sehr weit. Als Rosa das erschrockene Kind dem Kindermädchen reichen wollte, schwankte der Eimer, und wenig fehlte, so wäre sie mit dem Kinde in den Brunnen gestürzt.
„Das geht nicht,“ sagte sie mit blassen Lippen. „Nehmt die Stange und schwingt den Eimer ein wenig. Wenn er nahe kommt, nehmt mir das Kind aus dem Arme. Ich muß mit dem anderen die Seile fest halten. Sonst sind wir beide verloren!“
Die Gräfin sah den schwingenden Eimer, sah, daß die Kinderfrau ihr Kind schnell faßte und auf die Erde stellte, sah Rosa einen Arm um einen der Dachpfeiler werfen und ungefährdet auf den Boden springen, und dann sank sie besinnungslos nieder. Als sie die Augen wieder öffnete, war das gerettete Kind vor ihr. Sie umarmte es laut schluchzend, und fragte nach dem mutigen Mädchen, dem sie das Leben des Kindes verdankte.