Aber als die Gräfin ihr ein Geschenk geben wollte, schlug sie es aus.

„Ach,“ sagte die schöne Edelfrau, „das ist nur eine Kleinigkeit, mein Kind. Ich kann dich nie genug belohnen. Wenn mein Mann nach Hause kommt, wird er dich ein wenig besser belohnen können. Aber jetzt mußt du den Dienst der Pförtnerin verlassen, zu mir kommen und meine Kinder hüten.“

„Ach, nein, gnädige Frau, das kann ich nicht!“ rief Rosa, die gleich dachte: „Wenn ich nicht mehr der Pförtnerin Magd bin, kann ich den Vater nicht mehr sehen!“

Doch fügte sie schüchtern hinzu: „Danke, gnädige Frau, aber ich kann die Pförtnerin nicht verlassen, sie hat zu viel zu thun.“

Die Gräfin konnte nicht verstehen, wie Rosa sich weigern konnte, den Dienst der Pförtnerin zu verlassen, aber sie bat Rosa vergebens, zu ihr zu kommen. Es kam ihr auch sehr sonderbar vor, daß ein Mädchen mit so groben Kleidern, und so braunen Händen und Gesicht, so fein sprechen konnte, und sie sagte mehrmals zu sich selbst. „In Benehmen und Sprache ist sie so wohl erzogen als ich. Wie kann sie der rohen Pförtnerin dienen?“

Rosa mußte die Gräfin jeden Tag besuchen, und da die Gräfin sah, daß sie schöne Früchte, guten Wein und Leckerbissen sehr freudig annahm, gab sie ihr immer etwas Gutes zu essen. „Es ist merkwürdig,“ dachte sie oft, „sie wird immer rot vor Freude, wenn ich ihr so Etwas gebe, und doch ißt sie es nie in meiner Gegenwart.“

Eines Tages kam der Wächter früh zu der gnädigen Frau, bat um eine Unterredung unter vier Augen, und erzählte ihr, daß die Magd der Pförtnerin um Mitternacht barfuß durch den Hof gegangen, die Turmthüre geöffnet und lange in dem Kerker geblieben.

„Gnädige Frau, sie ist wahrscheinlich die Verlobte eines der Mörder, oder Diebe, die da gefangen sind. Sie hat die Schlüssel und wird sie eines Nachts freilassen. Wir werden alle im Schlafe gemordet werden!“

Die Gräfin war sehr erschrocken, als sie dieses hörte, aber sie sagte bald: „Ich habe schon oft mit der Magd der Pförtnerin gesprochen, sie ist ein tugendhaftes Mädchen. Ich bin gewiß, daß sie nie etwas Böses thun wird. Sie hat die Gefangenen schon seit einem Monat allein besorgt; wenn sie sie freilassen wollte, hätte sie es schon längst gethan. Dennoch muß ich erfahren, was diese nächtlichen Besuche bedeuten; wachen Sie unermüdlich, und das nächste Mal, wenn sie nachts in den Turm geht, kommen Sie sogleich hierher. Ich werde dem Mädchen heimlich folgen und sehen, was sie mit den Gefangenen zu thun hat.“