Der Wächter versprach gut zu wachen, und am folgenden Abend schon rief er die gnädige Frau um Mitternacht. Sie schlich leise in den Turm, folgte Rosa die Treppen hinunter, und die Gänge entlang, und als sie einen Lichtstrom aus der offenen Thür eines Kerkers hervorquellen sah, versteckte sie sich hinter die Thür und lauschte atemlos.

„Ach Vater,“ hörte sie Rosa sagen, „du bist doch so krank, deine Wunde ist so schmerzhaft, warum willst du deine Freiheit nicht annehmen? Du weißt ja, daß der Graf kein Recht hatte, dich gefangen zu nehmen. Ich möchte weder ihm noch seiner Familie Böses zufügen. Ja, ich habe mein Leben sogar auf das Spiel gesetzt, um den kleinen Grafen zu retten, obgleich ich mir sagte, daß es dem Grafen recht geschehen würde, wenn er für seine Sünde den Verlust seines Kindes leiden müßte. Ja, mein Vater, ich habe bisweilen so böse Gedanken, aber dann denke ich an die gute Gräfin, die mir diesen Wein und diese Speisen gegeben, die dich allein am Leben erhalten. Aber, Vater, man sagt, daß der Krieg noch lange dauern kann, du wirst sterben, ehe deine Freunde dich erlösen, nimm doch deine Freiheit an!“

„Mein Kind,“ erwiderte eine tiefe Stimme, „du hast dem Gefangenwärter dein Wort gegeben, die Gefangenen gut zu bewachen, darum muß ich hier bleiben, obwohl mich das Leben im Kerker tötet. Ich bin der Ritter von Tannenburg; meine Freiheit will ich mit Ehren gewinnen, sonst bleibe ich hier.“

Die lauschende Gräfin hatte genug gehört, sie ging leise wieder hinaus, sagte dem Wächter, daß Alles in Ordnung sei und daß er sich um die nächtlichen Besuche der Magd der Pförtnerin nicht mehr bekümmern sollte, und ging zurück in ihre Gemächer.

„Ach,“ seufzte sie, „das sind gute, edle Leute! Könnte ich dem kranken Ritter nur die Freiheit geben! Ich darf aber nicht, doch wenn mein Mann zurückkommt, werde ich ihm Alles sagen.“

Die Gräfin war jetzt gütiger als zuvor gegen Rosa, gab ihr noch öfter stärkende Speise und Weine, und bewunderte täglich mehr den Mut der edlen Jungfrau, die einer rohen Frau diente, nur um ihrem Vater tägliche Besuche abzustatten.

„Ach,“ sagte sie oft, „wäre der Krieg nur vorbei, damit ich die Qual des armen Mädchens enden könnte.“

Eines Tages kam endlich ein Bote, mit der fröhlichen Nachricht, daß der Krieg zu Ende sei; daß der Graf binnen zwei Tagen zurückkommen würde, sammt Gefolge und Freunden, und daß ein großes Gastmahl stattfinden solle. Alle waren froh, nur die arme Rosa nicht, denn sie wußte, daß sie mit der Rückkehr des Gefangenwärters die Schlüssel hergeben müsse, und den lieben Vater vielleicht auf längere Zeit nicht mehr sehen würde.

An dem Morgen, wo der Ritter erwartet wurde, bemerkte die Gräfin, daß Rosa rotgeweinte Augen hatte, aber sie sagte kein Wort darüber. Bald hörte man den frohen Klang der Trompeten, und der Graf ritt in den Schloßhof, sprang von seinem Pferde, umarmte hastig seine Gemahlin, und hob den Knaben, seinen Liebling, hoch empor. Dann rief er seinen Vasallen und Freunden stolz zu: