Die Erben waren sehr böse, als sie hörten, daß Sophie Diamanten in ihrem hölzernen Kreuz gefunden, aber sie konnten keine Ansprüche darauf machen, denn sie hatten selbst das Papier geschrieben, worin es bestimmt hieß, daß das Kreuz Sophien gehöre.
Sophie verkaufte nun schnell die schönen Diamanten, und bekam Geld genug, um alle ihre Schulden zu bezahlen. Das Geschäft ging jedes Jahr besser und die Familie litt keinen Mangel mehr.
So lange sie lebte, erzählte Sophie ihren Kindern und Enkeln (Kindeskindern) die Geschichte von dem hölzernen Kreuz, und fügte immer bei:
„Wenn man nur seine Pflicht thut und dem lieben Gott vertraut, braucht man Nichts zu fürchten, denn Er wird Alles gut machen, obgleich manchmal Alles sehr finster aussieht.“
10. Der Lange, der Breite und der Scharfäugige.
Es war einmal ein alter König, der nur einen einzigen Sohn hatte, den er sehr gern hätte heiraten sehen. Aber der junge Mann konnte keine Braut finden, und der Vater gab ihm endlich einen goldenen Schlüssel und sagte:
„Mein Sohn, gehe in das obere Stockwerk des Turmes, sieh dich dort um, und sage mir, welche Prinzessin dir dort am besten gefällt.“
Der Prinz ging in das obere Stockwerk des Turmes, öffnete eine kleine, eiserne Thür mit dem goldenen Schlüssel, und kam in ein Zimmer mit zwölf Fenstern. Auf jedes Fenster war das Bild einer wunderschönen Prinzessin gemalt.
Der Jüngling sah sich erstaunt um, denn die schönen Prinzessinnen erröteten, lächelten, streckten die Hände aus, kurz, schienen lebendig; nur konnten sie nicht sprechen. Sie waren alle so blendend schön, daß der Prinz keine besondere auswählen konnte, und zögernd da stand, bis er sah, daß das eine Fenster mit einem weißen Vorhang bedeckt war.