Der König sah den Jüngling eine Zeitlang an, dann fuhr er zu sich selbst fort: „Nun, der Jüngling sieht recht müde aus. Was kann er wohl geschrieben haben, das ihn so ermüden konnte?“

Friedrich nahm das Papier und las folgendes:

„Teure Mutter.

„Es freut mich, daß ich dir endlich ein wenig Geld schicken kann, — Geld, das ich ehrlich verdient habe. Du weißt, mein Gehalt ist nicht groß, darum habe ich dir bisher so wenig Geld schicken können.

„Aber jetzt hat der König befohlen, daß ein Page immer nachts im Zimmer neben seinem Schlafgemach wachen soll. Meine Kameraden wachen nicht gern, und sie haben mir jedesmal einen Thaler gegeben, damit ich an ihrer Stelle wache. Schon drei Nächte hintereinander habe ich nun gewacht, und habe so das Geld verdient, das ich dir hiermit sende. Ich bin aber so schläfrig, daß ich die Augen fast nicht mehr offen halten kann. Morgen kann ich nicht wieder wachen, sonst würde ich sicher einschlafen, und dann wäre der König nicht gut bedient.“

Der Brief war nicht vollendet; hier hatte der Schlaf den Jüngling übermannt. Der König legte das Blatt wieder hin, ging in sein Schlafgemach, holte eine Börse voll Gold, steckte sie dem Jüngling in die Tasche und legte sich wieder ins Bett. Später, als er ein kleines Geräusch in dem Nebenzimmer hörte, klingelte er wieder.

Der Jüngling trat sogleich herein. Zufällig fiel seine Hand auf seine Tasche, worin er einen harten Gegenstand fühlte. Schnell zog er ihn heraus, und als er eine Börse voll Gold sah, brach er in Thränen aus.

„Was fehlt dir denn?“ fragte der König erstaunt.

„Ach, Majestät,“ rief der Jüngling, „ich bin in dem Nebenzimmer eingeschlafen, weil ich so müde war. Während ich schlief, muß Jemand in das Zimmer gekommen sein und mir diese Börse voll Gold in die Tasche gesteckt haben. Eine solche Summe habe ich nie gehabt. Es ist wahrscheinlich gestohlenes Gut und nun werde ich vielleicht des Diebstahls beschuldigt werden.“

„Nein, nein!“ rief der König jetzt. „Niemand wird dich des Diebstahles beschuldigen. Das Geld habe ich dir selbst in die Tasche gesteckt. Du bist ein guter, ehrlicher Junge, denn ich weiß, warum du eingeschlafen warest. Von nun an sollst du ein größeres Gehalt haben, damit du deiner Mutter helfen kannst, ohne deine Nachtruhe zu entbehren.“