„Weshalb wollt ihr das tun?“ fragte Johannes. „Das ist böse und schlimm, laßt ihn in Jesu Namen ruhen!“
„Oh, Schnickschnack!“ sagten die beiden häßlichen Menschen. „Er hat uns angeführt! Er schuldet uns Geld: das konnte er nicht bezahlen, und nun ist er obendrein tot, nun bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb wollen wir uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchtür liegen!“
„Ich habe nicht mehr als fünfzig Taler!“ sagte Johannes. „Das ist mein ganzes Erbteil, aber das will ich euch gern geben, wenn ihr mir ehrlich versprechen wollt, den armen, toten Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde schon durchkommen ohne das Geld, ich habe gesunde, starke Gliedmaßen, und der liebe Gott wird mir allezeit helfen!“
„Ja,“ sagten die häßlichen Menschen, „wenn du seine Schuld bezahlen willst, wollen wir beide ihm nichts tun, darauf kannst du dich verlassen!“ Alsdann nahmen sie das Geld, welches er ihnen gab, lachten laut auf über seine Gutmütigkeit und gingen ihres Weges. Er aber legte die Leiche wieder im Sarge zurecht und faltete ihre Hände, nahm Abschied von ihr und ging durch den großen Wald zufrieden weiter.
Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien, sah er die niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich nicht stören: sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger Mensch sei, und es sind nur die bösen Leute, welche die Elfen nicht zu sehen bekommen. Einige von ihnen waren nicht größer, als ein Finger breit ist und hatten ihr langes, gelbes Haar mit Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie sich auf den großen Tautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase lagen, zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder zwischen den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter und Lärmen unter den andern Kleinen. Es war allerliebst! Sie sangen, und Johannes erkannte deutlich die hübschen Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt hatte. Große, bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten von der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und Paläste spinnen, welche, da der feine Tau darauf fiel, wie schimmerndes Glas im Mondscheine aussahen. So währte es fort, bis die Sonne aufging. Die kleinen Elfen krochen dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte ihre Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft flogen.
Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als eine starke Mannesstimme hinter ihm rief: „Holla, Kamerad, wohin geht die Reise?“
„In die weite Welt hinaus!“ sagte er. „Ich habe weder Vater noch Mutter, bin ein armer Bursche, aber der Herr hilft mir wohl.“
„Ich will auch in die weite Welt hinaus,“ sagte der fremde Mann. „Wollen wir beide einander Gesellschaft leisten?“
„Jawohl,“ sagte er, und so gingen sie miteinander. Bald gewannen sie sich recht lieb, denn sie waren beide gute Menschen. Aber Johannes merkte wohl, daß der Fremde viel klüger war als er. Der hatte fast die ganze Welt durchreist und wußte von allem Möglichen, was existierte, zu erzählen.
Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen Baum setzten, ihr Frühstück zu genießen, zur selben Zeit kam eine alte Frau. Die war sehr alt und ging krumm einher, sie stützte sich auf einen Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Brennholz, welches sie sich im Walde gesammelt hatte. Ihre Schürze war aufgebunden, und Johannes sah, daß drei große Ruten von Farnkraut und Weidenreisern daraus hervorsahen. Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße aus, fiel und tat einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein gebrochen, die arme, alte Frau!