Unten in der großen Schenkstube im Wirtshause waren viele Menschen versammelt, denn dort war ein Mann, der gab Puppenkomödie. Er hatte soeben sein kleines Theater aufgestellt, und die Leute saßen ringsumher, um die Komödie zu sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz genommen, und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer — der sah sehr bissig aus! — saß an seiner Seite und machte große Augen, so, wie alle andern.
Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche Komödie mit einem Könige und einer Königin, die saßen auf dem schönsten Throne, hatten goldene Kronen auf dem Haupte und lange Schleppen an den Kleidern, denn ihre Mittel erlaubten das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und großen Schnurrbärten standen an allen Türen und machten auf und zu, damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es war eine recht niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand und über den Fußboden hinging, machte der große Bullenbeißer — Gott mag wissen, was er sich dachte — da der dicke Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung stracks hinein in das Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß es knackte. Es war schrecklich!
Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken und betrübt über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste Puppe, die er hatte, und nun hatte der häßliche Bullenbeißer den Kopf abgebissen. Aber als die Leute später fortgingen, sagte der Fremde, der mit Johannes gekommen war, daß er sie schon wieder zurecht machen würde, und dann nahm er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe, womit er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen hatte. Sowie die Puppe geschmiert worden, war sie wieder ganz, ja sie konnte sogar alle ihre Glieder selbst bewegen, man brauchte nicht mehr an der Schnur zu ziehen. Die Puppe war wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht sprechen konnte. Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr froh, nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten, die konnte ja von selbst tanzen. Das konnte keine der andern.
Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirtshause zu Bett gegangen waren, war jemand da, der so schrecklich tief seufzte und solange damit fortfuhr, daß alle aufstanden, um zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der die Komödie gegeben hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn dort war es, wo jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen untereinander: der König und alle Trabanten, und die waren es, die so jämmerlich seufzten und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie wollten so gern wie die Königin ein wenig geschmiert werden, damit sie sich auch von selbst bewegen könnten. Die Königin legte sich sofort auf die Knie und streckte ihre prächtige Krone in die Höhe, während sie bat: „Nimm mir diese, aber schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!“ Da konnte der arme Mann, der das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen zu weinen, denn es tat ihm wirklich ihretwegen leid. Er versprach sogleich dem Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben, was er am nächsten Abend für seine Komödie erhalten würde, wenn er nur vier bis fünf von seinen niedlichen Puppen schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er durchaus nichts weiter verlange, als den Säbel, den jener an seiner Seite habe, und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die sogleich tanzten und zwar so niedlich, daß alle die lebenden Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher und die Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen, alle die Fremden und die Feuerschaufel und die Feuerzange, aber die fielen um, als sie die ersten Sprünge machten. — Ja, das war eine lustige Nacht!
Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden von ihnen fort auf die hohen Berge hinauf und durch die großen Tannenwälder. Sie kamen so hoch hinauf, daß die Kirchtürme tief unter ihnen zuletzt wie kleine blaue Beeren unten in all dem Grünen aussahen, sie konnten sehr weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren! Soviel Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher nie auf einmal gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen blauen Luft, er hörte auch zwischen den Bergen die Jäger das Waldhorn so schön und lieblich blasen, daß ihm vor Freude die Tränen in die Augen traten und er nicht unterlassen konnte, auszurufen: „Du guter, lieber Gott! Ich möchte dich küssen, weil du so gut gegen uns alle bist und uns all die Herrlichkeit, die in der Welt ist, gegeben hast!“
Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da und sah über den Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein hinaus. Zu gleicher Zeit ertönte es wunderbar lieblich über ihrem Haupte, sie blickten in die Höhe, ein weißer großer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie früher nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde schwächer und schwächer, er neigte seinen Kopf und sank langsam zu ihren Füßen nieder, wo er tot liegen blieb, der schöne Vogel!
„Zwei herrliche Flügel,“ sagte der Reisekamerad, „so weiß und groß wie die, welche der Vogel hat, sind Geldes wert: die will ich mit mir nehmen! Siehst du nun wohl, daß es gut war, daß ich einen Säbel bekam?“ Und so hieb er mit einem Schlage beide Flügel des toten Schwanes ab: die wollte er behalten.
Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge, bis sie zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten von Türmen, die wie Silber in der Sonne glänzten. In der Stadt war ein prächtiges Marmorschloß, mit purem Golde gedeckt. Hier wohnte der König.