Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in die Stadt gehen, sondern blieben im Wirtshause vor der Stadt, damit sie sich putzen konnten, denn sie wollten nett aussehen, wenn sie auf die Straße kämen. Der Wirt erzählte ihnen, daß der König ein sehr guter Mann sei, der nie einem Menschen etwas zuleide täte, aber seine Tochter, ja, Gott behüte uns! die sei eine schlimme Prinzessin. Schönheit besaß sie genug, keine konnte so hübsch und niedlich sein, wie sie war, aber was half das? Sie war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß viele herrliche Prinzen ihr Leben hatten verlieren müssen. — Allen Menschen hatte sie die Erlaubnis erteilt, um sie freien zu dürfen. Ein jeder konnte kommen, er mochte Prinz oder Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei Sachen raten, an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn befragte. Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe; konnte er aber die drei Sachen nicht raten, so ließ sie ihn aufhängen oder ihm den Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König, war sehr betrübt darüber, aber er konnte ihr nicht verbieten, so böse zu sein, denn er hatte einmal gesagt, er wolle nie etwas mit ihren Liebhabern zu tun haben, sie könne selbst tun, was sie wolle. Jedesmal wenn ein Prinz kam und raten sollte, um die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde er gehängt oder geköpft. Er war ja beizeiten gewarnt, er hätte das Freien unterlassen können. Der König war so betrübt über all die Trauer und das Elend, daß er einen ganzen Tag des Jahres mit allen seinen Soldaten auf den Knien lag und betete, die Prinzessin möge gut werden, aber das wollte sie durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken, färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken, so trauerten sie. Und mehr konnten sie doch nicht tun!

„Die häßliche Prinzessin!“ sagte Johannes. „Sie sollte wirklich die Rute bekommen, das würde ihr gut tun. Wäre ich nur der alte König, sie sollte schon gegerbt werden!“

Da hörten sie das Volk draußen Hurra rufen. Die Prinzessin kam vorbei, sie war wirklich schön, daß alle Leute vergaßen, wie böse sie war, deshalb riefen sie Hurra. Zwölf schöne Jungfrauen, alle in weißseidenen Kleidern und jede eine goldene Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen Pferden ihr zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus purem Goldstoff, und die Peitsche, die sie in der Hand hatte, sah aus, als wäre sie ein Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf dem Haupte war wie kleine Sterne vom Himmel, und der Mantel war aus mehr als tausend Schmetterlingsflügeln zusammengenäht. Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre Kleider.

Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so rot im Gesichte wie ein Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort sagen.

Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit der goldenen Krone, von der er in der Nacht geträumt hatte, als sein Vater gestorben war. Er fand sie so schön, daß er nicht unterlassen konnte, sie recht zu lieben. Das wäre gewiß nicht wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute hängen oder köpfen ließ, wenn sie nicht raten könnten, was sie von ihnen verlangte. „Ein jeder hat die Erlaubnis, um sie zu freien, sogar der ärmste Bettler. Ich will wirklich nach dem Schlosse gehen, denn ich kann es nicht unterlassen!“ Sie sagten ihm alle, er möge es nicht tun, es würde ihm bestimmt wie all den andern ergehen. Der Reisekamerad riet auch davon ab, aber Johannes meinte, es würde schon gehen. Er bürstete seine Schuhe und seinen Rock, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte sein hübsches blondes Haar und ging dann allein in die Stadt hinein und nach dem Schlosse.

„Herein!“ sagte der alte König, als Johannes an die Türe pochte. Johannes öffnete, und der König im Schlafrock und in gestickten Pantoffeln kam ihm entgegen, die Krone hatte er auf dem Haupte, das Zepter in der einen Hand und den Reichsapfel in der andern. „Warte ein bißchen!“ sagte er, und nahm den Apfel unter den Arm, um Johannes die Hand reichen zu können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er so an zu weinen, daß das Zepter sowohl wie der Apfel auf den Fußboden fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen mußte. Der arme, alte König!

„Laß es sein!“ sagte er. „Es geht Dir schlecht, wie all den andern. Nun, Du wirst es sehen!“ Dann führte er ihn hinaus nach dem Lustgarten der Prinzessin. Da sah es schrecklich aus! Oben in jedem Baume hingen drei, vier Königssöhne, die um die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen, die sie ihnen aufgegeben, nicht hatten raten können. Jedesmal, wenn es wehte, klapperten alle Gerippe, so daß die kleinen Vögel erschraken und nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren an Menschenknochen aufgebunden, und in Blumentöpfen standen Totenköpfe und grinsten. Das war wirklich ein sonderbarer Garten für eine Prinzessin.

„Hier siehst Du es!“ sagte der alte König. „Es wird Dir ebenso wie diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du machst mich wirklich unglücklich, denn ich nehme mir das sehr zu Herzen!“