Aber liebholdes Wesen, entgegnete beruhigend Alonso: was regt Dich so allmächtig auf! Ein Kreuz? — nun ja, wenn Du ein Bischen davon, und ein Bischen dazu thust, und überall mit Deiner Phantasie nachhelfen willst, verwandelt sich am Ende mein Paradiesfeigenbaum[46] in Dein Kreuz, und — die Wolke da unten — hm — ja — eine weibliche Figur ist es — aber, was bringst Du Deine gute Mutter in dieses Nebelspiel, und wie, ich bitte Dich, wie kann ein bischen Wasserdunst solch Gaukelwerk erhitzter Phantasie Dir gleich zusammen treiben? der Passo del Norte hat Dich nicht etwa, setzte er in süßer Liebeständelei hinzu, und tippte auf Hulda’s Stirn: mein trautes Kind, berückt?

O scherze nicht, Alonso, entgegnete Hulda erschüttert, und bat, sie und den Vater bald zu entlassen, weil sie zur Mutter müsse.

Du kömmst mir nicht vom Bord, erwiederte Alonso, und umfaßte Hulda mit inniger Liebe: ich bin fest segelklar[47] und warte nur auf guten Wind. Beim ersten Lüftchen setze ich meine Segel bei, und steche frisch und wohlgemuth, mit meinem Bräutchen, in die hohe See.

Alonso, doch nicht ohne meiner Mutter Segen? fragte Hulda ernst: und doch nicht ohne des Dieners Christi fromme Weihe?

Das wird mir alles viel zu lang, entgegnete Alonso mit heißer Ungeduld. Die Mutter — ja; die werd’ ich morgen sprechen; sie soll uns segnen, Hulda. Was aber das Copuliren hier betrifft — ich bitte Dich, eh’ sich das alles ordnet, der Trauschein meiner Eltern, das Zeugniß meiner Taufe — das alles muß herbei, ehe wir das Aufgebot verlangen können. — So lange kann und darf ich hier nicht warten. Viel besser ist’s, Du gehst als Braut zu mir an Bord. Auch mitten auf der See ist unser Gott bei uns. Wirf Deine Anker in mein Herz, sie greifen da in festen Grund. Als Braut, vertraue mir, als unberührte Braut führt Dich Alonso heim. Es liegt für mich ein namenloser Zauber in dem Gedanken! Gewähre mir, zum Zeichen Deines Glaubens an meine Ehrfurcht vor Deiner Tugend, diesen Wunsch. Sechs Monden sind es nur, dann steigt die Jungfrau an das Land der neuen Welt, und sinkt in Mexiko, vor Gottes Hochaltar in unsrer goldgeschmückten Kathedrale, als junge Frau an meine Brust, zu lohnen mir die uns selbst aufgelegte süße Pein der schmerzlichsten Entsagung, durch ihrer Liebe Vollgenuß.

Gib den Gedanken auf, versetzte bittend Hulda: ich traue Dir und mir, denn keuscher Liebe ist die schwerste Prüfung leicht; die Eltern aber würden darein sich nimmer fügen; doch morgen früh darüber mehr! Vielleicht läßt sich das alles leichter machen, als Du denkst, das liebe Gold ist ja der beßte Hebel aller Hindernisse, und auch die gute Kirche läßt das Dispensiren sich bezahlen. Jetzt lebe wohl, Alonso, gute Nacht, und süße Träume!

Ein langer, langer Abschiedkuß, und Hulda fuhr mit ihrem Vater an das Land zurück. Trompeten schmetterten ihr nach, und wilde Paukenwirbel; und Hurrah schrie das Schiffsvolk aller Decke, und des Kanonendonners furchtbares Krachen verkündete dem Hafen und der Stadt, daß jetzt des Mexikaners schöne Braut nach Hause fahre. Alonso wehte ihr mit weißem Tuche, so lang sein Blick sie noch erreichen konnte, den Wunsch der guten Nacht noch nach, und alle seine Gäste, die Becher in der Hand, schrien Vivat, Vivat hoch, und blieben bis zur späten Mitternacht, und tollten auf des Bräutigams Schiffe, als wäre morgen Hochzeit, und heute Polterabend.

Alonso nahm, sobald Hulda ihn verlassen hatte, an dem Tanz und dem rasenden Lärmen der fast überlustigen Gäste keinen unmittelbaren Antheil; er blieb zwar der Rolle des gastlichen Wirths, mit der artigsten Aufmerksamkeit, treu; aber, wo er konnte entfernte er sich, und wenn er allein war, und ungesehen, so stellte er sich hin, und schaute durch die Dunkelheit der Nacht hinauf nach dem bewußten Balkon.

Endlich erschien etwas Weißes da oben, und kaum gewahrten dieß einige, die ihn belauscht hatten, als der Spektakel von neuem begann, und die ganze Gesellschaft der weißen Erscheinung mit Trompeten und Pauken, und dem Hurrah der Neger, ein Vivat ausbrachte, daß es drüben an den Mauern der schlummernden Stadt widerhallte.

In dem Augenblicke zündeten die Mexikaner, und hundert Matrosen anderer Schiffe, die sie sich zur Hülfe geholt hatten, mehrere tausend Laternen an, die an den Seiten des Schiffes, am Tauwerk, und an den Mastbäumen, bis zum Mars hinauf, in zierlicher Ordnung hingen, und einen unbeschreiblich schönen Anblick gewährten. Oben auf dem Topp des großen und des Fockmastes, waren Sonne und Mond in herrlichen Transparents zu sehen, und die unzähligen Lichter auf dem kaum merkbar hin und her schwankenden Schiffe, die sich in dem schillernden Wasser rings um, hundertmal wiederspiegelten, stellten den ganzen hochbeleuchteten Dreimaster in einen zauberisch schönen Feuerkreis.