Alonso freute sich, daß diese feenartige Ueberraschung, die er Hulda zu Ehren veranstaltet hatte, nicht von ihr unbemerkt geblieben war; sie hatte ihm, von der Höhe ihres Balkons herab, einen herzlichen Kuß zugeworfen, und er schwamm nun in einem Meere von Fröhlichkeit. Er gab noch heraus, was Butlerei[48] und Kambüse[49] vermochten, und man schwärmte bis zum hellen Morgen, wo die armen, diese Nacht oft gestörten gelbgefiederten Schreihälse auf dem benachbarten canarischen Schiffe, den Tag verkündeten, und man die gastliche Antoinette verließ.

Doch einen Augenblick noch auf Hulda zurück. Als sie mit dem Vater zu Hause kam, empfing sie die Mutter mit verweinten Augen.

Ihr habt Euch auf Eurem Spaziergange ja recht lange verweilt, sagte sie kalt, und durchbohrte Hulda mit einem pfeilscharfen Blicke.

Wir sind in Gesellschaft gewesen, entgegnete Hulda offen, und morgen früh wird —

Erspare Deine Bekenntnisse, fiel sie dem Mädchen, das ihr jetzt das Geständniß seiner glücklichen Liebe ablegen wollte, bitter in das Wort. — Deine zärtliche — fuhr sie zum Manne fort: Deine zärtliche Vorsorge für meine Ruhe hat Dir wenig geholfen; ich weiß alles, leider durch Fremde. Mein Kind hat sein Vertrauen zu mir verloren; wo Vertrauen fehlt, ist auch keine Liebe, Hulda, ich bitte Dich um Gotteswillen, womit habe ich dieß verdient? Ich habe seit Empfang dieser Zeilen — sie wies auf ein Billet der Maklerin — Stunden gelebt, die mir den Abschied aus diesem Leben leider recht erleichtern. Ich träumte, wenigstens von meinem einzigen Kinde geliebt zu seyn! — und dieses hintergeht mich, hintergeht mich da, wo andere gute Töchter sich der Mutter, ihrer ersten, ihrer treuesten Freundin, vor allen andern vertrauen. — Die ganze Stadt weiß, was mir, von Dir, von meinem Kinde verborgen wird. Gott im Himmel! habe ich denn auf der ganzen Welt keinen Freund mehr, als den Tod? —

Antoinette! hob der Vater ruhig an: seit Du mir Deine Hand gabst, habe ich nie hinter Deinem Rücken gehandelt; traue mir so viel Selbstgefühl zu, daß ich jetzt nicht anfangen werde, mich einem Fehler Preis zu geben, der — er sagte das mit weicher Stimme — auch den letzten Pfeiler unsers häuslichen Glücks untergraben würde. Was ich gethan habe, kann jeder wissen. Der Mann, der sich um Hulda’s Hand bewirbt, wollte heute früh schon Dich begrüßen; ich hielt ihn davon ab, und bat um Aufschub bis morgen, weil ich auf den Besuch Dich vorbereiten wollte; von seiner jugendlichen Raschheit mußte ich fürchten, daß er gleich heute mit seinem Anliegen hervortreten möchte; von Deiner Liebe zum einmal gefaßten Plane aber, daß Du, krank und mißgelaunt, nicht möchtest Dich ihm so erklären, wie wir mit ihm es wünschen. Ein solcher Schwiegersohn, ist er einmal gekränkt, kömmt nicht leicht wieder, und darum rieth mir die Vernunft, mit Vorsicht hier an’s Werk zu gehen. Er lud uns beide zu sich ein; ich sagte zu, um unterdessen, bis ich mit Dir darüber sprechen konnte, den Mann, dem wir das Kind auf Lebenszeit hingeben sollen, noch näher zu ergründen. Daß seine Absicht ruchtbar ward, daß Maklers sie Dir hinterbringen, und ihres Sohnes Nebenbuhler in schwarzen Schatten stellen würden, konnte ich mir denken, und darum suchte ich die Menschen, wenigstens bis morgen, von Dir zu entfernen, damit Du ihn dann ohne Vorurtheil sähest, und zwischen ihm und Maklers Caspar freie Wahl hättest. Wenn ich hierinn gefehlt habe, so verzeihe mir Gott; ich that es nur, um Hulda’s Beßten willen. Du liebst das Kind, wie ich, und darum wirst auch Du mir gern vergeben, wenn mein Verfahren Dich beleidigt hat. Wehe wollte ich damit, beim Himmel, Dir nicht thun. Den Zweck, Alonso näher zu erforschen, habe ich nun zwar ganz verfehlt, denn in dem Saus und Braus von hundert frohen Gästen, ließ sich des Menschen Herz nicht sonderlich sondiren; indeß, was ich sah und was ich hörte, bezeichnet wohl den Mann, der unserm Kinde, außer Glanz und Reichthum, ein reines Herz darbringt, und, gute Antoinette, das ist in der Liebe und in der Ehe, ja doch immer der beßte Hausrath!

Die mexikanischen Weine müssen Euch über die europäischen Hindernisse hinweggehoben haben, oder ich begreife Dich und Hulda nicht, entgegnete die Mutter mit erzwungener Ruhe: lies doch den Brief meiner ehrlichen Maklerin. Der Mensch kann der gefährlichste Abenteurer seyn; das kümmert euch nicht. Er lügt Euch seine Piaster millionen weise her, und ihr seyd, mit der ganzen Stadt, gutmüthig genug, seine Prahlereien ihm auf’s Wort zu glauben. Er will von deutscher Abkunft seyn, und nennt sich Mantequilla! er hat gar, hie und da, den kecken tollen Wunsch geäußert, das Kind als Braut nach Mexiko zu nehmen, weil ihm der Trauschein seiner Aeltern und sein Tauf-Zeugniß nicht herzuschaffen seyen. Wer weiß, was für verlaufenes Gesindel seine Eltern sind! daß sie niemals getraut, und daß er nicht getauft — beweis’t sein leerer Vorwand! Und einem solchen soll mein Kind, mein einziges Kind, geopfert werden? Nein — nimmermehr. Wär’ frommer Sinn in seiner Heidenbrust, und hätte alles, was er sagt, recht seinen Grund, so gäbe er der Sache Raum, und käm nach Jahresfrist zurück, und brächte die Documente alle mit, die wir verlangen müssen, wenn uns der Vorwurf unsrer Mitwelt nicht treffen soll, daß wir ganz ohne Kopf handelten.

Das alles, liebe Frau, begann der Vater sanft: läßt morgen sich besprechen; das Mädchen ist noch jung, und kann das Jahr noch warten. Zwei tausend Meilen hin, zwei tausend Meilen her, sind wohl kein kleiner Weg; indessen muß Alonso sich, bestehest Du darauf, mit kindlichem Gehorsam darein fügen; die Liebe mag ihm Zeit und Weg verkürzen. Auch hat er sich, wenn Du es wünschest, schon erklärt, sein Vaterland ganz aufzugeben, und hier bei uns sein Lebenlang zu bleiben; ich mochte ihm sein Wort deßhalb nicht fodern, denn aus dem ungeheuern Geschäft, was dort sich um ihn treibt, sich hieher in unsern Hökerkram zu setzen, kann seine Jugendkraft, die immer höher strebt, nicht reizen. Der zärtlichen Mutter aber, die das Kind ungern von sich ziehen sieht, ist wohl ein Vorschlag dieser Art nicht zu verargen. Sprich morgen selbst mit ihm. Vielleicht erfüllt er Deine Wünsche.

Die Mutter hatte still und ruhig zugehört; ihr Gesicht schien sich bei dem, was der Vater zuletzt anführte, ein wenig aufzuheitern.