Die Unglückliche hatte sich nicht getäuscht.

Alonso, bis in den Grund der Seele erschüttert, des Mutterfluches grause Worte in dem Herzen, kam todtenbleich an seines Schiffes Bord.

Er fand den alten Linsing, warf weinend sich ihm in die Arme und rief, vom scharfen Schmerz zerrissen: Ich muß von dannen, ich muß fort. Allmählig nur gelang dem antheilvollen Freunde, das schreckliche Begebniß ihm abzufragen.

Alonso, hob er tröstend an: nur hier nicht gleich so rasch gehandelt. Die Frau hat phantasirt; ein Mißverständniß seltner Art muß hier zum Grunde liegen. Mein Freund, mein lieber Sohn, sey ruhig. Es wird, es muß sich alles noch enträthseln.

Kann Hulda den je lieben, den ihrer Mutter Fluch getroffen hat? fragte Alonso und starrte dunkeln Blickes vor sich hin. Ich ahne Gräßliches! Ein Mißverständniß ist es nicht. Die Frau gehörte dieser Welt schon nicht mehr an, und drüben sieht man heller, als wir blöde Menschen. Sie hat sich nicht geirrt. Mein Vater — und ihr Bild! Im Sterben noch war sie sich ähnlich. — Antoinette nannte sie der Mann — des Vaters Lieblingsname — zu ehren ihn, hab’ ich mein Schiff also genannt. — Aus Frankfurt sagt Auguste — aus jedem Umstand press’ ich einen Tropfen zu dem Gifte, das mir in ihrem Fluche liegt. Und Hulda — mein ganzes Glück, mein Leben — dem Fluchbedeckten darf sie ja die reine Hand in Ewigkeit nicht reichen. — O — hätt’ ich doch aus meinem Scherze Ernst gemacht; ich wollte gestern mit ihr fort, — da hielt sie mich, um ihrer Mutter Segen willen. Statt dessen schleuderte die Sterbende, aus ihres Grabes Schauertiefe, mir ihren Fluch in’s todte Leben nach! — So wahr mein Gott im hohen reinen Himmel — ich büße eine fremde Schuld. — Was helfen nun mir alle Millionen! Das Höchste meines Lebens, das Herz des Engels ist mir freventlich geraubt, und ich bin bettelarm! So lang ich athme, wird das meine ihr allein gehören. — Nein, außer ihr kann Keine ich je lieben! — Mein alter Herr und Freund, bringt meine Schwüre ihr. Der Sonne Strahl soll langsam quälend mich vertrocknen, des Mondes mildes Licht mir nimmer wieder scheinen, und meines großen Gottes Rache fort und fort mich überall verfolgen, wenn meinen Schwur der Treue ich je breche. Bringt, Freund, ihr diesen Kuß! Ich kann sie nimmer wieder sehen.

Alonso, liebster Freund, ermahnte bittend der Director: ach haltet diesesmal nur Euern raschen Sinn im Zügel. Die Mutter ist ja krank, sie kann sich bessern; das böse Wort, dem Irrthum bloß enteilt, kann sie ja widerrufen. — Sie kann vielleicht auch sterben, und dann ist Hulda frei! —

So denkt Ihr hier in Eurer alten Welt? fragte Alonso bitter. Ein Irrthum war es nicht! Der Geist des höhern Lichts sprach aus des Todtenrichters Munde. Und lebt sie Jahre noch, sie wird, sie kann nicht widerrufen. Und thät sie es — meint Ihr, daß sie damit den in Gift getauchten Dolch mir aus dem Herzen ziehen könnte, den sie tief hinein gestoßen hat? Was ich hörte, ich kann es nicht ungehört machen. Ich könnte nimmermehr mit Liebe mich ihr nahen; ich könnte nie Vertrauen zu ihr fassen. Sie könnte Mutter nimmermehr mir seyn. — Und frei, sagt Ihr, sey Hulda wenn sie stürbe? Wohl werden Wunder nicht geschehn, wenn Hulda mir die Hand nach ihrer Mutter Tode gäbe. Kann Hulda aber das? Kann Hulda an der Seite des Verfluchten sich eine Stunde nur des Lebens freuen? — Beim kleinsten Mißgeschick — muß sie nicht immer gleich des Mutterfluches harte Folgen fürchten? — Das Drohbild, was sie gestern in den Wolken sah! — Mein Gott und Herr, soll das ein Vorgefühl des Jammers, den der Zorn der Mutter uns bereitet hat, gewesen seyn? — Ich kann nicht bleiben; — ich muß fort. Sie noch einmal zu sehen, ist mehr als ich ertragen kann. — Mein Arm darf sie nicht mehr umfangen! Sie muß mich fliehen, ich bin geächtet. — In wenig Stunden bin ich der ganzen Stadt Gespött! man zeigt mit Fingern auf den kühnen Fremden, der sich erdreistete, der Blumen lieblichste Europa’s Gärten zu entführen, und den ein Weib mit Fluch und Bann belegte! — Nein! fort von hier! hinaus in’s wilde Meer! vielleicht wirft bald eine Welle mich in des Abgrunds dunkle Tiefe! — Gott sey mir Armen gnädig.

Mit wildem Ungestüm sprang er zum Fockmast vor, und schrie den Negern zu: Listo! levad el ancla,[50] und andern: Listo! dad vela[51]; und pfeilschnell flogen sie auf ihre Posten. Die schweren Anker wanden sich aus ihrem Grunde, und in die aufgehießten Segel blies der leichte Landwind seewärts.

Alonso ließ ein kleines Boot aussetzen, um den alten Linsing an das Land zu bringen. Noch einmal schloß er ihn in seine Arme. Ein heißer Thränenstrom entstürzte seinen Augen. Mein letztes Wort ist Hulda! rief er im Schmerz der Trennung fast vergehend. Beschwöret sie, mit Liebe meiner immer eingedenk zu bleiben. — Doch ihre Hand sey frei. Kann sie mit einem Andern glücklich seyn, so segne ich den Bund, mag es mir auch das Leben kosten. Kein Bild, kein Blatt, nicht eine Locke, ich habe nichts von ihr, das süße Wehe nur in der gequälten Brust. Noch höre ich den Wohllaut ihrer Stimme, noch sehe ich die reizende Gestalt; mein guter Gott, laß mir dies beides nur, so lange ich das Leben hier noch friste. — Noch einmal laßt mich athmen tief — es ist die Luft in der sie lebt, laßt ihres Athems Würze mich einsaugen. — Ich sehe sie ja nie — verstehst Du alter Freund, verstehst Du dieses Schreckenswort? — Ich sehe nie sie wieder; — die Lootsen kommen an den Bord, aus Euerm Hafen mich zu bringen. Gehabt Euch wohl. Ich steure meinen Cours in’s Grab. Mein Herzensfreund, wenn Du mich liebst, so bitte mit mir Gott, daß er das liebeleere Leben mir bald ende. Dort oben gilt kein Fluch. Dort seh ich Hulda wieder! — Dank Dir, mein alter Freund, daß Du die bittere Scheidestunde mir versüßest. Bring Frau und Kindern meinen Gruß. Dieß, Linsing, meiner Hulda!

Er gab ihm aus einem neben ihm stehenden Blumentopfe, einen Zweig brennender Liebe, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, zog ihn noch einmal an sein Herz, und die Kanonen seines Schiffes sagten dem Hafen Lebewohl.