Der »Preußische Correspondent«.

Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem das politische Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem Militärgouvernement höchst willkommen, daß aus dem Kreise der preußischen Patrioten ein neues Zeitungsunternehmen erwuchs, dessen Leitung der angesehene Historiker Niebuhr und dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer übernahm, und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag, genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«, der am 2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem Volke von dessen heiligsten Interessen« zu reden begann. Niebuhr sah seine Aufgabe darin, »die Überzeugung von der Notwendigkeit eines Volkskrieges im äußersten Sinne des Wortes täglich zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und über die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«.

»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«, frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer. Das sollte sich sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen. Renfner erlaubte sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten aus dem Hauptquartier, die Gneisenau selbst schrieb, so daß dieser schon bald mit ihrer Entziehung drohte. Einer dieser Kriegsberichte von Gneisenau (26. April) beschuldigte auf Grund von französischen Feldpostbriefen die Berliner Bankiers hochverräterischer Beziehungen zum Feinde. Als darauf die »Vossische« ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm, verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik.

Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis zwischen Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck des Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten« naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm, kam es zwischen ihm und den Behörden über Fragen mehr der innern als der äußern Politik zu Konflikten, die an Schärfe den Zusammenstoß Heinrich von Kleists mit Hardenberg noch weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den »Abendblättern« die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier eines konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die Regierung war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen aufkommen zu lassen.

Schleiermachers Hochverrat.

Am 14. Juli 1813 sprach der »Preußische Correspondent« von Gerüchten über einen Friedenskongreß, der in Prag zusammengetreten sei und auch wirklich stattfand. Die Anhänger eines schnellen Friedensschlusses warnte er, sich nicht vorschnell zu freuen, und die Gegner, darob nicht zu verzweifeln. Die Ansicht der letztern Partei, zu der Schleiermacher selbst gehörte, gehe dahin, daß Preußen, »um zu einem würdigen Zustande zu gelangen«, noch einer »ungeheuern Kraftentwicklung« und Deutschland im allgemeinen noch »großer entscheidender Ereignisse« bedürfe, die »den Grund zu einer künftigen Form legen« müßten. Denn, so schrieb Schleiermacher wörtlich, »was sich Deutschland von einer Verfassung versprechen kann, welche durch die Willkür sich durchkreuzender diplomatischer Verhandlungen begründet wäre, das wissen wir seit dem westphälischen Frieden, der Deutschland zerstörte, indem er es neu zu bilden glaubte«. Unter dem »würdigen Zustand« Preußens, das ja schon eine feste »Form« hatte, verstand er die völlige Unabhängigkeit von Napoleon, und das schwierige Problem der »künftigen Form« Deutschlands beschäftigte ein Jahr später den Wiener Kongreß. Diese Fragen durften wohl dem Redakteur eines politischen Blattes einigermaßen am Herzen liegen. Schleiermacher beruhigte nun die Gegner eines vorschnellen Friedens mit der Versicherung, ihre »allgemein verbreitete« Ansicht werde »gewiß auch bei den Friedensverhandlungen eine Stimme haben«; er meinte damit: dieser oder jener der beteiligten Diplomaten werde wohl auch so denken. Und wenn auch, erklärte er zuletzt, ein Friede geschlossen werde, den man noch nicht als »den wahren Anfang einer neuen Ordnung der Dinge ansehen« könne, so müsse man ihn eben »nach den Principien eines Waffenstillstandes beurteilen« und alle Vorteile, die er gewähre, gehörig benutzen.

Am 15. Juli erklärte das Auswärtige Amt Schleiermachers Äußerungen als »unbefugte anmaßende vorgreifende Urteile einer Privatperson über künftige Resultate« des Friedenskongresses; die »absprechende Zurückweisung ›Diplomatischer Verhandlungen‹ und die ›Berufung auf eine allgemein verbreitete Ansicht, die bei den Friedensverhandlungen eine Stimme haben werde‹, die Entgegenstellung der Begriffe: ›einzelne Mächte‹ und ›Deutschland und Preußen‹,« gebe eine »Tendenz pflichtwidriger Eigenmacht und Willkür zu erkennen. Der Ton und die Tendenz mancher Schriftsteller und ihrer Anhänger, zusammengehalten mit gleichzeitigen verwegenen Vorgängen, deuten auf ein Streben jener Personen, ihre Eigenmacht und Willkür an die Stelle der rechtmäßigen Macht und Autorität zu setzen.« Das Auswärtige Amt glaube daher nach dem Grundsatz verfahren zu müssen: »den Keimen zu widerstehen« (was wohl eine Übersetzung des Ovidischen »Principiis obsta« sein sollte!) und berichtete darüber an Hardenberg.

Daraufhin befahl der König am 17., Schleiermacher sofort seines Predigtamtes zu entsetzen und binnen 48 Stunden über Schwedisch-Pommern ins Ausland abzuschieben!

Diese Strenge hielt aber Hardenberg offenbar für übertrieben; er wußte den König umzustimmen, und so wurde die schon fertige Kabinettsorder dahin gemildert, daß dem Herausgeber des »Preußischen Correspondenten« sein Benehmen »ernstlich verwiesen« und ihm bedeutet wurde, eine Wiederholung desselben werde »aufs nachdrücklichste und mit unfehlbarem Verlust seiner Dienststelle geahndet werden«.