Ein »Augenzeuge« hatte in einem Brief geschildert, wie Fürst Schwarzenberg am 19. Oktober 1813 den drei auf dem Monarchenhügel versammelten verbündeten Fürsten die Siegesnachricht überbrachte. Kaiser Franz stieg sogleich vom Pferde und kniete zum Gebet nieder; alle übrigen Anwesenden folgten seinem Beispiel. »Bewunderungswürdig war es,« setzte der von seiner eigenen Schilderung ergriffene Berichterstatter hinzu, »daß die zügelfreien Pferde während dieser imposanten Feierlichkeit ohne einen Hufschlag zu tun, ruhig neben ihren Reitern standen.«
Dieser Brief war in der »Brünner Zeitung« gedruckt worden, und am 13. Januar 1814 brachte ihn auch die »Vossische«. Die Redaktion freute sich gewiß der höchst stimmungsvollen Szene, Schmok würde von »Brillanten« gesprochen haben, und sie war auch zweifellos ganz nach dem Herzen des Zensors Le Coq.
Wie bestürzt mag er gewesen sein, als ihm gerade diese zarte Reporterlyrik einen ziemlich derben Verweis zuzog. Hardenberg fand nämlich, daß jene rührende Schlußwendung das Gepräge der »Ironie« an sich trage, und warnte den Zensor, in ein offizielles Blatt nicht Erzählungen aufzunehmen, »die bei einem großen Teile des Publikums nur gar zu leicht zu satirischen Bemerkungen Anlaß geben«.
Verwunderlich ist, daß Hardenberg nicht lieber auf die Unrichtigkeit der Tatsache selbst aufmerksam machte, von der er im Hauptquartier, wo er weilte, hätte Kenntnis haben oder doch leicht erhalten können. Die ganze Episode ist bekanntlich von den Historikern als ein Märchen bezeichnet worden.
Das »System der Mäßigung«.
Solange Napoleon in Deutschland allmächtig war und Preußen wohl oder übel für die Unantastbarkeit seines ihm gewaltsam aufgedrungenen Verbündeten einstehen mußte, blieb ihm nichts anderes übrig, als alle Angriffe gegen den Unüberwindlichen zu unterdrücken. Als aber der Schlachtendonner des 18. Oktobers den Nimbus des Korsen zerstört hatte, verlangte das Empfinden des Volkes, das doch die Kosten des Krieges mit Gut und Blut zu zahlen hatte, die Vogelfreiheit des Gegners. Statt diesem gerechten Empfinden nachzugeben, versteifte man sich seitens der preußischen Regierung auch jetzt noch auf ein »System der Mäßigung«, das mit einer lächerlichen Konsequenz innegehalten wurde. Eine schlimmere Beleidigung als die Schlacht bei Leipzig konnte wohl schwerlich das bitterste deutsche Libell dem gestürzten Franzosenkaiser zufügen.
Die Berliner Zensurbehörde dachte anders. Noch am 20. Dezember 1813 erließ sie eine neue Warnung gegen alle eingeführte Flugschriftenliteratur, die natürlich zum vorwiegenden Teil an dem gestürzten Feinde ihr Mütchen kühlte, und die Lektüre dieser ins Ungemessene wachsenden Druckschriften betrieb der gute Renfner immer noch so, als ob Napoleon leibhaftig hinter der Tür stände.
Ein so heftiger Napoleonfeind wie Arndt mußte ihm daher manches zu schaffen machen. Dieser »écrivain infatigable« ließ ja kaum einen Monat verstreichen, ohne immer neue Literaturgranaten auf den zurückweichenden Gegner zu schleudern. Arndts Flugschrift »Das preußische Volk und Heer im Jahre 1813« ließ Renfner im Dezember 1813 »gern und willig« durch, »obgleich der Schwung der letzten Seiten wohl hätte gemildert werden können«. Seine »wütende Einleitung« aber zu den »Betrachtungen über das Concordat« von dem Russen Uwaroff überschritt nach Renfners Urteil »alle Grenzen« und wurde verboten, denn Arndt hatte darin Napoleon den »großen Virtuosen der Lüge« genannt. Arndts politisches Programm »Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze« kam dem Zensor zwar reichlich »überspannt« vor, denn es forderte kurzerhand die Vorschiebung der Grenze Deutschlands »soweit die deutsche Zunge klingt«, bis zu den Ardennen, den Vogesen und dem Jura, und die Herausgabe Elsaß-Lothringens, Forderungen, auf denen leider die Diplomaten des Wiener Kongresses zu unserm heutigen Leidwesen nicht bestanden. Da aber diese »excentrischen Vorschläge mit ziemlicher Bescheidenheit« vorgetragen seien, gab Renfner im Januar 1814 die Schrift zum Verkauf frei.
Die Feder aber fiel ihm vor Schreck aus der Hand (»la plume tombe des mains«), als er Arndts »Kurze und wahrhaftige Erzählung von Napoleon Bonapartens verderblichen Anschlägen« (anonym: Germanien 1813) las, und der unauslöschliche Haß, den die gleichzeitige Schrift »über Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache« gegen die Franzosen und ihre Sprache predigte, paßte allerdings wenig zur Proklamation der noch immer unentschlossen am Rhein stehenden Verbündeten vom 2. Dezember 1813, die Frankreich »groß, stark und glücklich« wünschte, weil es eine der »Hauptgrundlagen des europäischen Staatsgebäudes« sei.
Beide Schriften wurden nach Vorschlag Renfners am 31. Januar 1814 durch Hardenberg selbst verboten, weil sie im diametralen Widerspruch standen zu dem »System der Mäßigung«, das die Alliierten zur Schau trugen.