Als Rubens mit dem englischen Gesandten im Haag wegen des Umtausches von dessen Antiken gegen seine Gemälde verhandelte, erwähnte er im Anschluß an den von Carleton geäußerten Wunsch, daß der Wertunterschied durch den Ankauf von Brüsseler Wandteppichen ausgeglichen werden möchte, beiläufig auch den Umstand, daß er selbst im Auftrage einiger Edelleute aus Genua sehr reiche Entwürfe für Teppiche angefertigt habe, die gerade in Brüssel gewirkt würden; in einem vierzehn Tage später an Carleton geschriebenen Briefe kommt Rubens nochmals auf diese Entwürfe zurück, und da erfahren wir, daß dieselben die Geschichte des Decius Mus, des römischen Konsuls, der sich selbst für den Sieg seines Volkes opferte, behandelten. Die hier erwähnten, Anfang Mai 1618 bereits an die Weberei abgelieferten Entwürfe zu Wandteppichen haben sich erhalten; sie befinden sich in der fürstlich Liechtensteinschen Gemäldesammlung zu Wien. Wenn Rubens den Ausdruck Entwürfe oder Vorzeichnungen — Kartons — gebraucht, so ist dies in so fern ungenau, als es vielmehr ganz prachtvoll ausgeführte Ölgemälde sind. Dem Teppichwirker hat der Meister die Arbeit dadurch erleichtert, daß er die Bilder von vornherein links gemalt hat, d. h. so, daß die Personen zum Beispiel die Waffen mit der linken Hand führen, den Schild am rechten Arm tragen. Denn derjenige, der einen Teppich wirkt, steht hinter dem Rahmen, über den er die Fäden spannt, also auf der Rückseite des Teppichs, und wie sein Werk wird, sieht er nicht unmittelbar unter seinen Händen, welche die Fäden durchziehen und verknüpfen, sondern in einem gegenüberstehenden Spiegel. Ist nun das Vorbild, wie es meistens geschieht, in richtigem Sinne gezeichnet oder gemalt, so muß der Wirker dasselbe umkehren, d. h. was links ist, rechts, und was rechts ist, links machen — also ebenso verfahren wie der Kupferstecher; zu diesem Behufe stellt er gewöhnlich das Vorbild hinter sich, so daß er nicht unmittelbar nach demselben, sondern nach dem Spiegelbild, welches der vor ihm stehende große Spiegel ihm zeigt, arbeitet. Wer einmal aus dem Spiegel gezeichnet oder gemalt hat, weiß, wie unbequem und wie anstrengend für die Augen dies ist. Rubens verschaffte daher den Teppichwirkern eine sehr große Erleichterung, indem er seine Vorbilder gleich umgekehrt — „im Gegensinne“, wie der Kunstausdruck lautet — malte. Der Meister verteilte den aus der bekannten Erzählung des Livius geschöpften Stoff in sechs gewaltige Kompositionen von vielen lebensgroßen Figuren. Im ersten Bilde sehen wir, wie der Konsul Decius von einem erhöhten Standpunkte aus dem Heere, das durch die versammelten Feldzeichenträger vertreten ist, die ihm im Traume zu teil gewordene Schicksalsoffenbarung erzählt, daß von den beiden einander gegenüberstehenden Heeren dasjenige die Schlacht gewinnen sollte, das seinen Anführer verlöre. Das zweite Bild zeigt uns, wie die Priester in feierlicher Handlung die Opferzeichen erforschen und erkennen, daß die Sache der Römer schlecht stehe. Daraufhin beschließt Decius, sich den Todesgöttern zu opfern; das dritte Bild, vielleicht das machtvollste und ergreifendste der ganzen Reihe, führt den Helden vor, wie er im Schatten prächtiger Buchen vom Priester die Todesweihe empfängt. Der vierte Akt des Dramas zeigt den Geweihten, wie er, des jetzt überflüssig gewordenen Schildes entledigt, sein stolzes Streitroß besteigt; mit einer vornehmen Bewegung der Hand und einem Blick heiliger Entschlossenheit verabschiedet er seine Liktoren, daß sie sich zu seinem Amtsbruder begeben, da er, als ein Toter, ihrer nicht mehr bedarf; eine wundervolle Abendsonnenstimmung läßt uns fühlen, daß der heiße Tag sich zu Ende neigt. Das nächste Bild bringt die Entscheidung: über einem Hügel von Leichen sinkt Decius unter den Hieben und Stichen latinischer Reiter vom Roß, sein zum Himmel gewendeter Blick zeigt, daß er mit Freuden stirbt, da er den Willen der Gottheit erfüllt und sein Volk gerettet hat; — in demselben Augenblick wird das Kampfesringen der Römer von Erfolg gekrönt, und die Latiner wenden sich zur Flucht ([Abb. 37]). Damit ist das von Rubens so großartig und wirkungsvoll ausgearbeitete Trauerspiel zu Ende. Das sechste Bild giebt sozusagen nur noch ein glänzendes Schlußschaustück: man sieht die aufgerichteten Siegestrophäen, die Aufhäufung der Beute und das Herbeischleppen der Gefangenen, und im Vordergrunde liegt auf prächtiger Bahre, mit dem Purpurmantel und dem Lorbeerkranz geschmückt, der tote Sieger.
Abb. 41. Die Kommunion des h. Franziskus. Im Museum zu Antwerpen.
Abb. 42. Kinderköpfchen (der kleine Nikolaus Rubens). Handzeichnung in
der Albertina zu Wien. (Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun,
Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)
Abb. 43. Maria, die Zuflucht der Sünder. In der kgl. Galerie
zu Kassel. Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.