Abb. 39. Übungstafel: Die drei Elemente der Keilschrift.

Es ist natürlich ganz unmöglich, hier auch nur annähernd einen Überblick über den gesamten Unterrichtskursus der „philosophischen Fakultät der Universität‟ Nippur im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zu geben. Möglich ist, dass man bereits damals wie zu den Zeiten Daniels (1, 4 und 5) drei Jahre studieren musste. War der Schüler einigermassen mit den Schriftzeichen vertraut, so hatte er grammatische Übungen zu machen, Eigennamen ideographisch und phonetisch, in ihrer vollen und abgekürzten Form, zu schreiben oder wie auf der vorstehenden Übungstafel, zwei Nomina, von denen das zweite zum ersten im Genitivverhältnis steht, nebeneinander zu schreiben ([Abb. 40]). Er analysierte sumerische Verbalformen, bildete kleinere Sätze, übersetzte in den semitischen Dialekt Babyloniens und legte sich dabei Präparationen an. War der Schüler besonders unwissend — für unsere Zwecke ein besonders günstiger Umstand —, so schrieb er fast alle im Übungsstücke vorkommenden Wörter auf, so dass wir, ohne das Original zu kennen, den allgemeinen Gedankengang desselben erraten können.

Abb. 40. Runde Übungstafel.

Zeichenunterricht wurde ebenfalls erteilt. Ich kenne eine Reihe von Tafeln, auf denen sich gerade und schiefe Linien, Zickzacks, Karos, Lattenmuster und ähnliche Figuren finden. Dann schritt man zum freien Handzeichnen nach Vorlagen und der Natur, wobei unbegabte Schüler sich bisweilen ganz Schreckliches leisteten ([Abb. 41]). Einige dieser Zeichnungen mögen Karikaturen darstellen. Später ging es ans Modellieren, an Reliefdarstellungen und das Bearbeiten von freistehenden Figuren, ans Gravieren, Siegelschneiden usw. So viel lässt sich schon jetzt klar erkennen, dass man beim Unterricht ganz methodisch verfuhr. Selbst humoristische Darstellungen, die wir bei den alten Babyloniern gar nicht recht erwartet hätten, finden sich vereinzelt unter den ausgegrabenen Gegenständen. Ich weise auf ein der Priesterschule entstammendes Tonrelief hin ([Abb. 42]), in welchem ein die Laute schlagender Hirt von seinem vor ihm stehenden Hunde, der das Maul weit geöffnet hat, mit langgezogenem Geheul begleitet wird. Der Unterricht im Vermessen und Berechnen von Grundflächen von Feldern, Gärten, Mauern, Kanälen usw. liesse sich an der Hand einer ganzen Anzahl von Tafeln illustrieren.

Abb. 41. Zeichnung eines Tempelschülers.

Besondere Aufmerksamkeit wandte man dem Gebiete der Arithmetik, Mathematik und Astronomie zu. Zunächst wurde der Schüler im Gebrauche des Sexagesimalsystems eingedrillt. Auf [a]Abb. 43] heisst es: 60 + 7 × 10 = 2 × 60 + 10; 60 + 8 × 10 = 2 × 60 + 20, etc. In geradezu phänomenaler Weise wurde das Einmaleins geübt. Wir haben eine ganze Menge dieser nach Serien eingeteilten Multiplikationstafeln, darunter mehrere Duplikate. Die beiden hier bildlich vorgeführten ([a]Abb. 44] u. [a]45]) enthalten links das 1 × 6 (bis 60) und rechts das 1 × 9. Ich habe derartige Tafeln bis 1 × 1350 in den Händen gehabt. Viele derselben werden nach Art unserer Logarithmentafeln als „Nachschlagebücher‟ zum sofortigen Ablesen von grösseren Multiplikationsresultaten, namentlich bei astronomischen Berechnungen, benützt worden sein. Denn gerade astronomische Tafeln finden sich zahlreich vertreten. Ich erwähne nur eine sehr detaillierte Angabe über Beobachtungen von Virgo und Skorpion, die, wie viele andere, mit den Worten schliesst: kiâm nepeschu, „also ist die Berechnung‟.