Abb. 35. Urkunde mit Siegelabdrücken aus dem Geschäftshause Muraschû Söhne (5. Jahrhundert).
Abb. 36. Grundplan der blossgelegten Zimmer der wissenschaftlichen Sektion der Tempelbibliothek.
Von ungleich grösserem Belang für uns ist die religiös-wissenschaftliche Sektion der Tempelbibliothek mit den Schulräumen, von welcher bis jetzt nur erst 40 Räume, d. h. etwa der 6. Teil der ganzen Abteilung blossgelegt werden konnte. Die auf dem untenstehenden Grundplane als Nr. 1, 2 und 3 ([Abb. 36]) bezeichneten Zimmer enthielten Keilschrifttafeln zu Tausenden. Nur wenige noch lagen auf den angedeuteten niedrigen Lehmrücken dieser Räume. Andere waren von den vermoderten oder absichtlich zerstörten hölzernen Rücken heruntergefallen. Die meisten befanden sich in wildem Durcheinander auf den Fussböden der Zimmer und den anstossenden Korridoren genau so, wie sie von den barbarischen Gebirgsvölkern vor über 4000 Jahren umhergestreut und zerbrochen waren. Aber nicht nur Menschen hatten hier grimmig gehaust, die ungebrannten Tafeln hatten auch von der Feuchtigkeit und den Salzen des sie umgebenden Schuttes schwer gelitten. Sie waren oft so wenig von dem letzteren zu unterscheiden, dass sie in vorsichtigster Weise einzeln mit dem Messer herausgeschält und ganze mit Tafeln gefüllte Erdklumpen wochenlang zum langsamen Trocknen in unserem Meftûl deponiert werden mussten, bis sie Risse bekamen, und die Schriftstücke als solche erkannt werden konnten ([Abb. 37]).
Abb. 37. Araber, Tafeln der Tempelbibliothek lostrennend.
Abb. 38. Übungstafel: Der Winkkelhaken.
Unter den ausgegrabenen Räumen nehmen die Unterrichtszimmer, in denen die Studierenden die Kunst des Tafelschreibens erlernten und in die einzelnen Zweige babylonischen Wissens eingeführt wurden, eine hervorragende Stelle ein. Ein wunderbares Bild eifrigen Lehrens und Lernens entrollt sich vor unseren Augen. Der Schüler erhielt zunächst Anweisung, wie er Tontafeln anzufertigen hatte. Eine ganze Anzahl zum Teil recht ungeschickt ausgeführter, unbeschriebener Tafeln legt davon Zeugnis ab. Dann ging es an das Einüben der drei Grundelemente, aus denen die Keilschrift besteht. Zunächst wurde jedes für sich ([a]Abb. 38]) geschrieben, dann alle drei nebeneinander ([Abb. 39]) wiedergegeben — ganz nach der Weise unseres heutigen assyrischen Unterrichts — bis der babylonische „Professor‟ mit der Leistung zufrieden war. Waren die ersten Schwierigkeiten überwunden, so wurden die einfachen Silbenzeichen ohne Rücksicht auf Inhalt eingedrillt. Der Schüler hatte sie nach einem gewissen Systeme so zusammenzustellen, dass dasselbe Zeichen in erster Stelle beibehalten wurde, und damit zunächst die leichteren und später die mehr komplizierten verbunden wurden. So las ich auf einer dieser Übungstafeln: 1. ba-a 2. ba-mu 3. ba-ba-mu 4. ba-ni 5. ba-ni-ni 6. ba-ni-ia 7. ba-ni-mu. Auf einer andern, bereits etwas schwierigeren heisst es: 1. za-an-tur 2. za-an-tur-tur 3. za-an-ka 4. za-an-ka-ka 5. za-an-ka-a 6. za-an-ka-mu, usw. Auf einer derselben hatte der Student nicht weniger denn 4 Fehler auf 5 Zeilen gemacht. Ob es dafür Nachsitzen oder den Stock gab, kann ich heute noch nicht verraten.