Abb. 32. Torso einer Dolerit-Statue.
Die älteren Kunstdenkmäler aus dem 3. und 4. Jahrtausend sind namentlich durch Grabungen der dritten und vierten Kampagne bedeutend vermehrt worden. Sie entstammen der Regel nach einer verhältnismässig flachen Schicht, nämlich den Trümmermassen des Tempelhofes zwischen der dritten und vierten Plattform ([Abb. 31]). Eines der grössten und besterhaltenen Werke ist der Torso einer Statue in Dolerit, ⅔ Lebensgrösse, ca. 2700 v. Chr. Im Gegensatz zu den bekannten Tellôstatuen ist der Priesterfürst hier bärtig und mit Hals- und Armschmuck dargestellt. Er ist offenbar ein Semit. Der Bart zeigt bereits ([a]Abb. 32]) die aus den spätassyrischen Monumenten des 9.-7. Jahrhunderts wohlbekannte konventionelle Wiedergabe des Flechtens. Im übrigen bewundern wir den ersten schüchternen Versuch des babylonischen Künstlers, die Falten des nachlässig umgeworfenen Shawls zum Ausdruck zu bringen, das Anschwellen der Muskeln am rechten Oberarm und die sorgfältig ausgearbeiteten Nägel der schlanken Finger. Um etwa 100 Jahre älter ist der mit der wollenen Kopfbedeckung geschmückte Marmorkopf eines sumerischen patesi aus dem Süden ([a]Abb. 33]).
Abb. 33. Marmorkopf eines sumerischen Priesterfürsten. (ca. 2800 v. Chr.)
Doch wir dringen noch tiefer in die semitischen Schichten hinab und rufen endlich, nachdem wir die nahezu 2½ m dicke Plattform Ur-Gurs durchbrochen haben, mit Belsazars Vater, Nabonidos, dem Archäologen auf babylonischem Königsthrone, aus: „Was Jahrtausende lang kein König unter den Königen geschaut, — die alten Urkunden König Sargons von Akkad, sahe ich.‟ Wir stehen vor der Blütezeit babylonischer Kunst, an der Schwelle des 5. und 4. vorchristlichen Jahrtausends. Die Eleganz und Regelmässigkeit der Schriftzüge, welche die Backsteinstempel Sargons ([a]Abb. 34]), ja alle Keilschrifttafeln seiner Periode charakterisieren, finden wir in demselben Masse erst bei Aschurbânapal, etwa 3000 Jahre später, wieder. Der semitische Usurpator Sargon I. fasste zusammen, was die alten sumerischen Meister in Stein, Erz und Ton geleistet hatten, ehe es unter den Wirren einer unruhigen Zeit und den Kämpfen mit neu auftretenden Völkerstämmen nur zu bald wieder verloren ging.
Abb. 34. Backsteinstempel Sargons I.
Ich kann die semitische Periode nicht verlassen, ohne mit einigen Worten wenigstens den Inhalt der berühmten Tempelbibliothek zu skizzieren. Wie zu Anfang dieses Vortrags angedeutet wurde, ist es mir gelungen, in dem dreieckigen Hügel auf der Südseite des Tempels mit seiner durchschnittlichen Erhebung von fast 8 m die Existenz von zwei übereinander liegenden Bibliotheken nachzuweisen. Wertvoll wie die spätere und weit kleinere Tafelsammlung zweifellos ist, da sie Stücke aus mehr denn 3 Jahrtausenden enthält, die zum Teil schon als Fragmente von den Priestern der neubabylonischen Zeit methodisch ausgegraben wurden, ist sie doch an Bedeutung und Vielseitigkeit des Inhaltes vollständig in den Schatten gestellt durch die 23000 Texte der älteren Bibliothek, welche bereits 200 Jahre lang in Trümmern lag, ehe Hammurabi wieder Ruhe und Ordnung im Reiche herstellte. Mit wie lebendigem Interesse die spätbabylonischen Gelehrten nicht nur, wie eben angedeutet, selbst ausgruben, sondern auch auswärtige Ausgrabungen wie die des Königs Nabonidos in Sippar und Akkad verfolgten, beweist eine im Besitz der Universität von Pennsylvania befindliche einzigartige Antiquität. Es ist eine aus feingeschlemmtem, aber ungleichmässig gebranntem Ton hergestellte Tafel, an den beiden Längsseiten leicht gebogen. Auf der einen Breitseite steht in umgekehrter erhabener Schrift eine uns bereits aus Nippur wohlbekannte Inschrift des alten Königs Sargon I. (ca. 3800 v. Chr.): „Sargon, der mächtige König der Untertanen des Bêl‟. Auf der Rückseite findet sich in den charakteristischen Schriftzügen des 6. Jahrhunderts als keilschriftlicher Vermerk eingetragen, dass das Ganze der Tonabdruck (zîpu) eines im Palaste König Narâm-Sins zu Akkad aufbewahrten Denkmals ist, welches der Schreiber Nabû-zêr-lîschir mit eigenen Augen gesehen hat. Was für ein ausgebildetes archäologisches Interesse im alten Babylonien!
Der einzigartige Wert der älteren Bibliothek liegt darin, dass sie uns in den Stand setzen wird, festzustellen, welche Höhe die geistigen Errungenschaften Babyloniens um 2500 v. Chr. erreicht hatten. Die Bibliothek mit der Priesterschule des 3. Jahrtausends zerfiel in zwei scharf gesonderte Abteilungen, eine rein praktische, geschäftlichen Zwecken dienende am Kanal, und eine religiös-wissenschaftliche nahe dem Eingang zum Tempel. Aus leicht erklärlichen Gründen sind die rein geschäftlichen Urkunden der Regel nach aus gebranntem Ton, die literarischen dagegen aus ungebranntem hergestellt. Die ersteren behandeln vorwiegend die weitverzweigte Administration des Tempels, die Einnahmen und Ausgaben, die Zehnten und mancherlei Opfergaben, das Bauen und Ausbessern von Häusern, das Bepflanzen und Bewässern von Grundstücken, den Kauf und Verkauf von Tieren, das Mieten und Vermieten von Sklaven, das Weben von Gewändern und Anfertigen von Schmuck für die Götterstatuen, die täglichen Beschäftigungen der Priester, die Kosten ihrer Unterhaltung und vieles andere. Wir gewinnen aus diesen Urkunden den Eindruck, dass der grosse Tempel des Bêl in manchen Stücken sich nicht wesentlich von den bekannten babylonischen Grossfirmen und Bankhäusern unterschieden hat. Ich erinnere nur an das Haus Egibi und Söhne am Euphrat zur Zeit Nebukadnezars und die Firma Muraschû Söhne zu Nippur in den Tagen Ezras und Nehemias ([a]Abb. 35]).