Abb. 29. Abzugskanal in der Südwestseite des Etagenturmes.

Die hauptsächlich in beiden Tempelhöfen gefundenen Weihegeschenke aus der Zeit ca. 4000-2500 v. Chr. sind leider oft recht fragmentarisch, weil die um die Mitte des dritten Jahrtausends plündernd in Babylonien einfallenden Horden der Elamiten, welche gemäss 1. Mose 14 ihre Streifzüge bis zur Küste des Mittelmeeres ausdehnten, in ganz fürchterlicher Weise in den Heiligtümern von Sumer und Akkad hausten. Gold und Silber und besonders hervorragende Kunstwerke schleppte man in die Berge nach Susa, wo die französische Expedition unter de Morgan und Scheil sie mit grossem Erfolge aus den untersten Schichten wieder zu Tage zu fördern begonnen hat. Vasen und wertlosere Weihgeschenke, welche den Namen des verhassten Nationalgottes der Babylonier trugen, wurden zerbrochen oder verstümmelt, Tempelarchiv und Bibliothek ausgeräumt und ihr Inhalt an den Mauern zertrümmert. Dadurch haben diese uralten Erbfeinde babylonischer Kultur ihre Schreckenswirtschaft bis in die jetzige Zeit hineingetragen. Meine beste Zeit geht damit verloren, mühselig zusammenzusuchen und zu entziffern, was elamitischer Vandalismus und Rachesucht vor mehr denn 4000 Jahren in Stücke schlugen.

Abb. 30. Votivplatte aus Lapislazuli.

Weit besser erhalten sind die zahlreichen Votivsteine, Rechnungslisten und Briefe aus der Zeit der Kassitenkönige (2tes Jahrtausend), welche bekanntlich das Pferd, Lapislazuli und chemisch äusserst reinen Magnesit in grösseren Massen, samt einer Imitation des ersteren aus gefärbtem Glas — das älteste bisher bekannte Glas im Gebiete des Zweistromlandes — aus den östlichen Bergen in Babylonien einführten. Aus den etwa 18000 beschriebenen Denkmälern jener Zeit mögen drei Beispiele den allgemeinen Charakter derselben illustrieren. Da ist zunächst als Repräsentant einer ganzen Anzahl ähnlicher Antiquitäten eine kleine dünne Lapislazuli-Scheibe zu nennen. Sie trägt die kurze Votivschrift ([Abb. 30]): „Dem Gotte Ninib, seinem Herrn, hat Kadaschman-Turgu, der Sohn des Nazi-Maruttasch, eine Scheibe aus poliertem Lapislazuli anfertigen lassen und für Erhaltung seines Lebens geschenkt‟. Oder wir erwähnen eine fragmentarische Votivaxt des Nazi-Maruttasch selbst aus gefärbtem Glas mit hochpoetischem rhythmischem Schlusse, in dem offenbar ein Reim beabsichtigt ist. Die Inschrift lautet, soweit als erhalten, in babylonischer Sprache und Übersetzung wie folgt:

1. ......1. Dem Gotte ...
2. Nazi- Maruttasch2. hat Nazi-Maruttasch,
3. mâr Kurigalzu 3. Sohn des Kurigalzu
4. ikribischu ana scheme 4. auf dass er sein Gebet erhöre,
5. teslîssu magâri5. seinem Flehen willfährig sei,
6. unnenischu leḳê 6. seinen Ruf um Gnade annehme,
7. napischtaschu naṣâri7. sein Leben beschirme
8. ummischu urruke8. und lange mache seine Tage
9. ...... 9. [eine Votivaxt aus poliertem (imitiertem) lapis lazuli geschenkt].

Von den vielfach vorzüglich erhaltenen Rechnungslisten aus jener für das ganze West-Asien so bedeutungsvollen Zeit, als diese fremdländische Dynastie ein halbes Jahrtausend den Thron Babyloniens inne hatte und das uralte Heiligtum des Bêl von Nippur auf Kosten des jüngeren Merodach von Babylon noch einmal in den Vordergrund des religiösen und politischen Lebens stellte, möge wenigstens eine grosse Einkommentafel des Tempels unsere Beachtung finden. Sie ist wie Tausende ähnlicher Dokumente durch gerade Linien nach den Monaten in vertikale und nach den zahlenden Personen in horizontale Felder abgeteilt. Die ersten 6 Spalten geben die Einnahmen von Datteln für die ersten 6 Monate, die etwas breitere 7. Spalte die zusammenaddierten Summen des ganzen ersten halben Jahres an. Die 8.-13. Spalte bringen die Einzelposten für Juli bis inkl. Dezember nach unserer, oder von Tashrîtu bis Addar (Mitte Sept.-Mitte März) nach babylonischer Ausdrucksweise. Die 14. Kolumne enthält die Summen des zweiten Halbjahres, die 15. Kolumne die Totalsummen der Einkünfte des ganzen Jahres, die 16. Kolumne einen Registraturvermerk und die letzte und breiteste Kolumne die Namen der zahlenden (in anderen Texten empfangenden) Personen. Mit den Amarna-Tafeln sind diese in mehr denn einer Hinsicht interessanten 18000 Nippur-Texte unsere Hauptquelle für eine der dunkelsten Perioden babylonischer Geschichte. Wir dürfen mit Recht noch bedeutende Aufschlüsse von dem noch fast ganz unpublizierten Material, namentlich für die internen Verhältnisse des Landes erwarten.

Abb. 31. Ausgrabungen im Innern des Tempelhofes zu Nippur.