Abb. 26. Backsteinpflaster des Aschurbânapal, Kadaschman-Turgu und Ur-Ninib.
Angesichts unseres heutigen archäologischen und historischen Wissens von jener noch vor kurzem so dunklen Periode ist diese Tatsache von keinem grossen Belang mehr. Sie findet jedoch ihre sehr natürliche und einfache Erklärung in dem für die einzelnen Plattformen nachweisbaren Umstande, dass, ehe sie gelegt wurden, alle die schadhaft gewordenen Gebäude und Schuttablagerungen so weit abgetragen wurden, als für eine gleichmässige Fundierung und die Sicherheit der neuen Plattform nötig war.
Im Lichte des von Nebukadnezar und Nabonidos so oft betonten Prinzipes, dass ein restauriertes Heiligtum nur dann eine der Würde der Gottheit entsprechende Kultusstätte sein kann und ihres besonderen Schutzes und Wohlwollens sich erfreut, wenn die neuen Mauern genau den Umrissen der alten folgen, erscheint es nicht wunderbar, dass auf Grund meiner Untersuchungen zu Nippur der eigentliche Tempelplatz zu allen Zeiten während dieser 3500 Jahre dieselbe Grösse gehabt hat. Da es aber der erste methodisch blossgelegte Tempel Babyloniens ist und derselbe noch dazu das bedeutendste Heiligtum des ganzen Landes aus ältester Zeit repräsentiert, dürften einige allgemeine erklärende Bemerkungen am Platze sein.
Der Tempel des Bêl ([Abb. 27]), keilschriftlich Ekur „Berghaus‟ genannt, bestand aus zwei grossen Höfen, einem inneren (A) und einem äusseren (B), beide verbunden durch ein monumentales Tor (2). Schwarz gezeichnete Mauern auf dem beifolgenden Grundplane sind durch die Ausgrabungen festgestellt, schraffierte von mir mit grosser Wahrscheinlichkeit ergänzt worden. Der innere Hof enthielt zwei Hauptgebäude, links den in seinen Trümmern noch etwa 30 m ansteigenden Etagenturm, ursprünglich mit einem Schrein für Bêl auf der höchsten Spitze, und rechts davon das nur erst in seinen Umrissen festgestellte eigentliche „Haus des Bêl‟, in welchem „der Vater der Götter‟ mit seiner Gemahlin residierte, wo die Weihegeschenke der Grossen des Reiches deponiert und die Hauptopfer ihren Gottheiten dargebracht wurden. Ein kleineres Tor führte hinter dem Turme auf den angrenzenden offenen Platz. Rechts vom Haupttore (2) ist das von den Elamiten geplünderte Schatzhaus und Tempelarchiv (4). Zwischen dem eigentlichen Haupttempel des Bêl und dem Archiv befanden sich mehrere Wasserbecken und eine fast meterhohe Doloritvase des Priesterfürsten Gudea von Lagash. Sie dienten Kultuszwecken wie das einst rechts an der Mauer befindliche und von Bur-Sin von Ur, ca. 2600 v. Chr., gestiftete „Haus für Honig, Milch und Wein‟ — drei bei den Opfern eine wesentliche Rolle spielenden Flüssigkeiten.
Abb. 27. Grundplan des Bêl-Tempels zu Nippur.
Rekonstruiert von Hilprecht, gezeichnet von Fisher.
Aus einer der Tempelbibliothek entnommenen Tafel erfahren wir, dass ausser Bêl und Bêltis wenigstens 24 andere Götter ihre Schreine und Kapellen im Tempel zu Nippur hatten. Da „die Stadt des Bêl‟ als Sitz des Königreichs der vier Himmelsgegenden, welche der oberste Gott seinem irdischen Repräsentanten in seinem Heiligtum am Chebar verlieh, mehr als irgend ein anderer Ort des gesamten Reiches das politische Auf und Nieder Babyloniens widerspiegelte, so ist es von vornherein selbstverständlich, dass auch die Anzahl dieser Nebengebäude und Kapellen fortgesetzten Schwankungen unterworfen sein musste. Wo aber haben wir alle diese 24 Tempelchen zu suchen? Da bereits im zweiten Jahre unserer Expedition durch einen Versuchsschacht ein kleiner besonderer Tempel des Bêl, genannt E-schagģulla-Bur-Sin („Haus der Herzensfreude Bur-Sins‟), direkt dem Etagenturme gegenüber (1) in dem von mir während der letzten Kampagne als äusserer Tempelhof fixierten Teile der Ruinen blossgelegt wurde, und da an und für sich der innere Tempelhof für so viele Kapellen keinen genügenden Raum bot, noch auch bei unsern Ausgrabungen daselbst irgend welche Spuren grösserer Anlagen gefunden wurden, so dürfen wir mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass sie alle im äusseren Hofe lagen. Zu diesem hatten offenbar die vom Allerheiligsten des Tempels ausgeschlossenen Durchschnittspilger freien Zutritt, wenn sie in grossen Scharen nach Art der heutigen Mekkapilger zu gewissen Zeiten nach dem berühmtesten Heiligtume Babyloniens strömten, um ihre Gebete an geweihter Stelle zu verrichten und ihre Opfergaben daselbst niederzulegen.
Abb. 28. Westecke der ersten Etage des Turmes von Nippur.
Wie viele Etagen der himmelanstrebende Turm ursprünglich gehabt hat, lässt sich wegen der in der Partherzeit daran vorgenommenen Veränderungen mit Sicherheit nicht sagen. Das unterste, von Kadaschman-Turgu um 3½ m nach N.O. hin erweiterte und von Aschurbânapal zum letzten Male restaurierte Stockwerk war etwas über 6 m hoch ([Abb. 28]). Spuren von zwei weiteren Etagen wurden im Innern der darüber lagernden Masse mit grosser Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, während zu gleicher Zeit an den beiden Schmalseiten des rechteckigen Turmes die gewaltigen Abzugskanäle von Haynes blossgelegt wurden, welche die in ihrem Kerne aus ungebrannten Ziegeln erbaute Stufenpyramide gegen die verheerenden Folgen der winterlichen Regen schützten ([Abb. 29]).