Abb. 23. Sarg gebildet aus zwei Urnen.

Die gewöhnlichste Form der Tonsärge ist die eines niedrigen Schuhes, für die Reichen emailliert, für die ärmeren Klassen einfach gebrannt. Die Oberfläche ist bei den letzteren meist leer, bei der besseren Sorte in Felder geteilt und nur bei Frauensärgen, wie es scheint, gewöhnlich mit einer weiblichen Figur ([Abb. 22]), bei Männern dagegen gelegentlich mit einem Krieger, einem geflügelten Stiere, einem strahlenumkränzten Kopfe und anderen Darstellungen geschmückt. Um die Leiche mit dem um die Füsse gewundenen Strick in Position zu ziehen — nicht zum Entweichen der bei der Verwesung sich bildenden Gase, wie man meist angenommen hat —, befindet sich am unteren Ende des meist deckellosen Sarges ein Loch. Daneben finden wir aber auch niedrige trogförmige Särge mit gewölbtem Deckel oder zwei Urnen mit der Innenseite gegeneinander gekehrt ([Abb. 23]), bei grösseren Personen oft noch durch einen eingeschalteten Terrakotta-Ring erweitert, oder aufrecht stehende Urnen und sogenannte badewannenförmige Särge, in denen das Skelett mit zusammengezogenen Knieen liegt. Fische, Hühner, Datteln, Reis und andere Getreidearten werden in kleinen Vasen oder Schalen als Speise beigefügt, während für den Durst der Abgeschiedenen entweder ein grösserer Krug Wassers oder ein bis auf das Grundwasser hinabreichender Brunnen ([Abb. 24]) in ausreichender Weise sorgt. Um die Gräber zu drainieren, wurden mit Hilfe von Tonringen oder am Boden durchbrochenen Wasserkrügen lange Röhren gebildet und nicht selten hart neben dem Brunnen (wie im Bilde auf [S. 40]) bis zu 24 m Tiefe in die altbabylonischen Schichten und den darunter befindlichen jungfräulichen Boden gesenkt. Bisweilen sind diese Röhren durchlöchert und hie und da mit einem glockenförmigen Aufsatze versehen.

Wie bereits kurz angedeutet wurde, ist die früharabische Periode mit ihren kûfischen Kupfer- und Silbermünzen und den zahlreichen hebräischen und mandäischen Zauberschalen gerade in Nippur oder, wie der Ort allmählich gesprochen wurde, Niffer und wegen des folgenden Labials schliesslich Nuffar, sehr gut vertreten. Ein grösserer Krug mit kurzer arabischer Inschrift gehört ebenfalls diesem allgemeinen Zeitabschnitt an. Das Innere der Zauberschalen ist in der Mitte entweder leer oder mit kabbalistischen Zeichen, umgeben von einer Schlange oder einem einfachen Kreise, noch öfter aber mit einem recht secessionistisch aussehenden Dämon, der uns lebhaft an die Bilderbogen von „Max und Moritz‟ erinnert, geschmückt ([a]Abb. 25]), während Lilith und andere böse Geister, welche die Lebenden mit Krankheit und Unglück plagen und die Toten selbst im Grabe noch beunruhigen, „im Namen Jehovahs‟ durch eine spiralförmig die Schale bedeckende Inschrift beschworen werden.

Abb. 24. Grab-Brunnen und Drainierungsröhren aus Terrakotta-Ringen.

Aus dem Gesagten wird so viel klar geworden sein, dass im ganzen recht wichtige spätere Ruinen in ausgedehntem Masse die älteren babylonischen Schichten bedecken und dass es uns eben darum ausserordentliche Zeit und Mühe kostet, zu den letzteren vorzudringen, wollen wir nicht einfach in barbarischer Weise die oberen Strata als wertlosen Schutt behandeln und abräumen.

Abb. 25. Hebräische Tonschale mit Dämon.

Es kann nun nicht meine Aufgabe sein, im knappen Rahmen eines Vortrags alle die neun semitisch-babylonischen Perioden, welche in 4½-6 m hohen Trümmern übereinander lagern, einzeln durchzusprechen. Auffallend dürfte es zunächst erscheinen, dass bei einem so grossen Zeitraume von rund 3500 Jahren, welcher hier räumlich zur Darstellung gelangt, verhältnismässig so geringe Schuttablagerungen zwischen den einzelnen durch den Tempelplatz sich hinziehenden Plattformen vorhanden sind. Betrachten wir z. B. die drei oberen Backsteinpflaster ([Abb. 26]), so erkennen wir ohne weiteres aus der daneben stehenden Gestalt des ‘Afeč-Kriegers, dass der Abstand von der ersten bis zur dritten Plattform nur 1,30 bis 1,60 m beträgt, obwohl die oberste von König Aschurbânapal (um 650), die mittlere von Kadaschman-Turgu (um 1300) und die unterste von Ur-Ninib (um 2500 v. Chr.) gelegt ward, also rund 1850 Jahre reichbewegter babylonischer Geschichte hierin gewissermassen verkörpert sind. Und nicht viel anders verhält es sich mit den darunterliegenden Plattformen Ur-Gurs (ca. 2700) und Sargons I. und seines Sohnes Narâm-Sin (ca. 3750 v. Chr.).