Abb. 20. Grundplan eines parthischen Palastes auf der Westseite des Chebar.

Aus derselben Zeit stammt ein aus ähnlichem ungebranntem Material erbauter, nur etwa 40 Räume und Hallen umfassender kleinerer Palast. Er bedeckt eine Grundfläche von 51 m im Quadrat und liegt auf der westlichen Seite des Chebar. Der absolut unbabylonische Charakter dieses von Peters seltsamerweise für kassitisch erklärten Gebäudes springt beim ersten Blick auf seinen Grundriss von selbst in die Augen ([Abb. 20]). Die klare und regelmässige Einteilung des ganzen Komplexes — rechts der Säulenhof, Altar und die grosse Empfangshalle für die Männer, links die nach demselben Prinzip angelegte Abteilung für die Frauen und Dienerschaft — die methodische Gruppierung der einzelnen Zimmer um zwei Lichthöfe, die reichliche Verwendung der nach oben zu sich verjüngenden Backsteinsäule als wesentlichen dekorativen Elementes, ein ausgesprochener Geschmack und Schönheitssinn in Bezug auf Grössenverhältnisse, das offenbare Streben nach Einheit trotz aller gewahrten Rücksicht auf Bequemlichkeit sind weit mehr charakteristische Züge etwa der griechischen Häuser auf Delos als der meist von ganz anderen Gesichtspunkten aus zu beurteilenden Lehmbauten des alten Babylonien. Der Grundstein dieses hellenistischen Palastes lag denn auch etwas über 12,5 m über dem Niveau der heutigen Ebene.

Nur halb so hoch und halben Weges zwischen dem Shaṭṭ en-Nîl und dem Etagenturme gelegen, befand sich ein ebenfalls der Partherperiode angehöriger kleiner Tempel. Er war ursprünglich ein Kuppelbau nach Art der bekannten Turben und Heiligengräber der islamischen Länder. Seine mit Stuck bedeckten vier Wände waren in der Mitte durchbrochen, und seine Ecken in altbabylonischer Weise nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Der Altar erhob sich wie ein kleiner Etagenturm in vier Stufen aus einer niedrigen Aschenschicht auf der südöstlichen Seite, jedenfalls damit die Strahlen der Sonne ihn zu einer bestimmten Tages- und Jahreszeit in Verbindung mit dem Kultus voll trafen.

Aber verlassen wir die an Interessantem und Lehrreichem nicht minder als an Rätselhaftem noch so reiche Partherzeit. Die Ruhestätten der Toten begegnen uns bereits neben den Wohnungen der Lebendigen, bald in den Abhängen der Hügel, bald unter den Häusern der Bevölkerung, und zwar sind es meistens aus älteren Backsteinen hergestellte Gewölbebauten, welche oft eine ganze Anzahl Leichen bergen. Eines dieser Gräber (unterhalb des Bodens von Zimmer Nr. 3 auf dem Plane der obigen Partherfestung, S. 31) war glücklicherweise der Plünderung in alter Zeit entgangen. Es enthielt reichen Goldschmuck, nämlich zwei ursprünglich die Gesichter der Verstorbenen bedeckende Goldplatten von je ca. 15 cm im Geviert, zwei ca. 30 cm lange Stirnbänder, zwölf Rosetten, vier glockenförmige Ornamente, 48 kleine Goldknöpfe, einen goldenen Ohrring, zwei mit Rubinen und Türkisen besetzte Sandalenschnallen ([Abb. 21]), Löwenköpfe im Relief darstellend, sowie eine Goldmünze des römischen Kaisers Tiberius, wodurch das Alter des Grabes mit grösserer Sicherheit als gewöhnlich bestimmt werden konnte.

Abb. 21. Goldene Sandalenschnalle.

So sinkt denn Bêls Stadt allmählich wieder zu dem herab, was sie zu Anfang ihrer vieltausendjährigen Geschichte gewesen — ein weitgestreckter Friedhof. Mit dem Emporkommen der Sassaniden-Dynastie (226-643) ist die Bedeutung des Ortes vorüber. Die parthischen Paläste verfallen und werden zu Leichenhäusern. Keine ansehnlichen neuen Gebäude entstehen mehr auf den Trümmern der alten. Nur elende Lehmhütten bedecken auch jetzt noch die bedeutenderen Punkte. Wohin der Spaten trifft, sind die oberen 5-30 Fuss Trümmer gefüllt mit sassanidischen Gräbern, bisweilen begleitet von schlechtgravierten Siegelsteinen, geschmückt mit leidlichen Porträtköpfen, schwer zu erratenden Tiergestalten und allerhand phantastischen Pflanzen.

Abb. 22. Blauemaillierte Tonsärge mit weiblichen Figuren.