Abb. 17. Braunemaillierte Tonlampe mit dem Haupt der Medusa.

Neue Götter mit ihren fremdländischen Kulten verdrängen die alten Sitten und Gebräuche. Seleucia am Tigris tritt an die Stelle von Babylon, und auf den Trümmern uralter Tempel erheben sich drohende Festungen und Paläste. Die Seleucidenherrschaft geht schnell zu Ende. Parthische Reiterscharen durchschwärmen die Ebene von Sumer und Akkad. Mehr denn 400 Jahre lang werden die Arsacidenfürsten die Erben des grossen Macedoniers. Noch einmal macht sich ein gewisser Wohlstand im Lande geltend. Die alten Ruinen werden nach Schätzen fleissig durchwühlt. Ausgedehnte Ansiedelungen und imposante Bauten bedecken sämtliche Trümmerhügel des alten Nippur. Eine kurzlebige Kunst und Zivilisation erblühen, zusammengeschweisst aus griechisch-römischen und orientalischen Elementen, — das letzte Aufflackern eines abgebrannten Lichtes vor seinem schliesslichen Erlöschen.

Der Etagenturm des Bêl ist durch vier gewaltige Seitenflügel erweitert und in eine fast uneinnehmbare Citadelle verwandelt. Ein 21 m tiefer Brunnen, durch die kompakte Masse gegraben, versorgt die Besatzung mit Wasser. Aus drei Jahrtausenden zusammengewürfelte Backsteine der Könige Ur-Gur (ca. 2700 v. Chr.), Kadaschman-Turgu (ca. 1300 v. Chr.) und Aschurbânapal (668-626 v. Chr.) bilden seine Umrahmung. Und rings um dieses weit in die Lande schauende Bollwerk gruppiert sich ein verhältnismässig wohlerhaltener Palast. 18 m hoch und (je nach der Höhe) 9 bis 12 m dick stehen die äusseren Mauern noch da. Über dem alten Eingang des Tempels erhebt sich ein massiver Turm zum Schutze der Bewohner. Die steil in die Ebene abfallende westliche Ecke ist von den winterlichen Regen zum grössten Teil hinweggeschwemmt und vernichtet.

Abb. 18. Grundplan der ausgegrabenen Teile der Partherfestung.

Gleich dem darunter liegenden babylonischen Heiligtume bestand dieser umfassende parthische Bau ([Abb. 18]) aus zwei aneinander grenzenden Höfen. Der südliche ist auf dem Plane unten nur eben angedeutet. Die äussere Befestigungsmauer des nördlichen Hofes, etwa 168 m lang, war auf drei Seiten mit Baracken für die Soldaten, mit Gefängnissen und Kornspeichern dicht besetzt. Durch einen Korridor von der ersten Mauer getrennt, erhob sich eine zweite von ungleicher Stärke. Unmittelbar dahinter befinden sich (mit C angedeutet) die Wirtschaftsräume und die Zimmer der Dienerschaft, welche durch eine parallel mit der Front des alten Etagenturmes laufende, gut kanalisierte Strasse (2) im NO. von den grossen Empfangszimmern des Kommandanten (B), im NW. dagegen vom Harem oder den Familiengemächern (A) getrennt waren. Etwa zwei Drittel vom ganzen Komplexe sind untersucht worden. Der Haupteingang war zweifellos nahe der noch nicht genügend durchforschten nördlichen Ecke. Reste einer in etwas anderem Winkel zum Etagenturm gerichteten älteren (Seleuciden?) Festung — im Plane durch I gekennzeichnet — liegen 1½ bis 2 m unterhalb dieses parthischen Palastes. Dreimal wurden die Türen und Wände der Zimmer und Korridore des jüngeren Baues wegen der ständig wachsenden Schmutzablagerungen beträchtlich erhöht, wie dies aus den erhaltenen oberen Resten der Prüfungssäule noch einigermassen hervorgeht, so dass vier Perioden in genannter Festungsanlage mit Sicherheit nachgewiesen werden können. Die für diese ganze Zeit von 4-500 Jahren charakteristischen Formen von Terrakotta-Vasen werden durch die beifolgende Illustration im grossen und ganzen veranschaulicht ([Abb. 19]).

Abb. 19. Terrakotta-Vasen aus parthischen Gräbern.