Der tiefste Laufgraben, den wir demgemäss bis jetzt in den Tempelhügel von Nuffar getrieben haben, misst 128 Fuss oder etwa 39 m von der Oberfläche bis zum Grundwasser. Die beifolgende Illustration ([Abb. 16]), in welcher rechts und links und an der Hand der (oberhalb allerdings schon beträchtlich abgebröckelten) Prüfungssäule die Höhe der ursprünglichen Schuttablagerungen noch deutlich zu sehen ist, wird einigermassen veranschaulichen, welche gewaltige Massen von Débris seitens der Expedition zu untersuchen und abzutragen waren, bevor die gigantischen Reste des Tempels aus ihrer Hülle hervortraten. Selbst im Zustande äusserster Vernichtung legen diese bröckelnden Mauern noch beredtes Zeugnis ab für den aufstrebenden Geist eines untergegangenen Kulturvolkes, auf dessen Schultern wir noch heute stehen, und noch immer scheinen sie wiederzuhallen von den Klängen jener altsumerischen Hymne, welche zu Ehren des Enlil oder Bêl im Schatten seines Heiligtums vor Tausenden von Jahren ertönte:

Hochragender Berg des Enlil, Imcharsag,

Gen Himmel anstrebend mit kühnem Haupt,

Die Wurzeln schlagend im klaren Abyssos,

Im Lande sich lagernd wie ein mächtiger Stier,

Dessen Hörner erglühen gleich dem flammenden Lichte,

Wie die Sterne am Himmel erglänzen in Pracht!

Abb. 16. Die Ruinen des Etagenturms zu Nuffar (Nippur).

Unterziehen wir zunächst die 6 nachbabylonischen Strata mit ihrem seltsamen Gemisch von 12-1300jähriger Geschichte einer kurzen Prüfung, so ergibt sich als hauptsächlichstes Resultat die charakteristische Tatsache, dass bald nach der Rückkehr Alexanders des Grossen aus Indien und seinem vorzeitigen Tode im Palaste Nebukadnezars am Euphrat, also etwa um 300 v. Chr., der Tempel des Bêl als Heiligtum aufhört zu existieren. Hellenistischer Einfluss lässt sich allenthalben spüren, an den Mustern von Friesen, an dem Medusenhaupte auf einer schönen braunemaillierten Lampe ([Abb. 17]), an den gefälligen Formen von dünnwandigen Terrakotta-Vasen, an eigentümlichen langstieligen Vasen, Fläschchen, Schalen usw. aus Glas, an rhodischen Krügen mit griechisch gestempelten Henkeln, an den häufiger werdenden hohlen Terrakotten mit einem Überzug aus weisser Paste, den faltigen Gewändern der Frauen, den erotischen Darstellungen, selbst an dem Spielzeug der Kinder und den Klappereiern (Hühner, Trommeln, Puppen u. s. w.) der Säuglinge.