Unter den zahlreichen Briefen aus der Zeit der ersten babylonischen und der Kassiten-Dynastien, welche teils der Bibliothek, teils den westlich von Chebar gelegenen Geschäftshäusern entstammen, möge wenigstens eines derselben gedacht werden ([Abb. 47]). Er befindet sich zur Zeit noch innerhalb seines ursprünglichen tönernen Couverts, das auf jeder der sechs Seiten zweimal mit demselben — Namen und Beruf des Absenders enthaltenden — Siegel gesiegelt und auf seiner Vorderseite „an Luschtamar‟ adressiert ist. Eine neue Katastrophe brach über Nippur herein, ehe der Brief abgeschickt werden konnte. Durch meine ermüdenden Arbeiten an der Tempelbibliothek gegenwärtig völlig in Anspruch genommen, habe ich trotz meiner begreiflichen Neugierde noch keine Zeit finden können, das Couvert zu öffnen und in die Privatkorrespondenz des Herrn Luschtamar einzudringen.
Abb. 47. Brief im adressierten und gesiegelten Toncouvert. (ca. 2300 v. Chr.)
So steht denn der Tempel des Bêl ([Abb. 48]) in seiner letzten 4000 jährigen Geschichte vor uns als die zentrale Kultusstätte des älteren Babyloniens, als der Sitz einer einflussreichen Priesterschule und herrlich ausgestatteten Bibliothek und selbst als ein politisch bedeutungsvolles Zentrum, wo der König von Sumer und Akkad, als irdischer Repräsentant des Bêl, von den Händen des Priesterfürsten das „Reich der vier Himmelsgegenden‟ als Gnadengeschenk seines Gottes zu allen Zeiten dieser reichbewegten Geschichte empfing.
Es erübrigt sich zum Schluss, noch ein Wort über die älteste vorhistorische oder sumerische Periode des Heiligtums zu sagen. Wann der Übergang von der sumerischen zur semitischen Okkupation sich geschichtlich vollzogen hat, können wir heute nicht mehr, oder vielleicht noch nicht, genau feststellen. Um 4000 v. Chr. sind jedenfalls die semitischen Eroberer bereits im Besitze des Landes. Sobald wir die Plattform Narâm-Sin’s durchbrechen, tritt uns mancherlei Eigentümliches entgegen. An Stelle der quadratischen Backsteine, die unter der älteren Sargon-Dynastie ihre grösste Form in Nippur erreichen (circa 40-50 cm), um nicht lange danach die bis zu den Tagen Aschurbânapals und Nebukadnezars, also mehr denn 3000 Jahre hindurch sich haltende konstante Grösse von 30-33 cm zu erreichen, treten in vier leicht nachweisbaren vorsargonischen Schichten sogenannte plano-konvexe Backsteine, d. h. rechteckige (in den ältesten Formen aber an den Ecken abgerundete) Backsteine mit flacher Unterfläche und mehr oder minder stark gewölbter Oberfläche ([Abb. 49]). Die letztere hat oft einen bis zwei Fingereindrücke oder (resp. und) einen oder mehrere mit dem Finger oder einem Schilfblatt gezogene Längsstreifen. Sie ähneln in ihrer ältesten Form (17-20 cm lang) roh bearbeiteten Steinen, als deren Nachahmung sie offenbar zu gelten haben (vgl. 1. Mose 11). In Übereinstimmung mit der Angabe in dem eben citierten Kapitel der Bibel ist Erdpech fast ausschliesslich das älteste Bindemittel in den Bauten der untersten Schichten Nippurs. Dabei ist es nicht zufällig, dass der älteste Gebrauch gebrannter Backsteine in Babylonien sich in Verbindung mit den für das Leben und Gedeihen im Innern des Landes so wichtigen Brunnen und Cisternen nachweisen lässt, und dass das Bild für Backstein offenbar mit der eigentümlichen Art und Weise, in welcher die Backsteine jener ältesten Brunnen gelegt wurden — in der Architektonik als „Häringsgrätenart‟ bekannt — zusammenhängt.
Ab. 48. Der Tempel des Bêl (nach der Rekonstruktion von Hilprecht und Fisher).
Abb. 49. Vor-Sargonischer plano-konvexer Backstein.
Fragen wir nun, was enthalten diese prähistorischen Strata des Tempelbezirks, in deren untersten 3-4 m der gebrannte Backstein eine noch völlig unbekannte Grösse ist, während das Brennen von Tonwaren längst geübt wurde, so haben wir zu unterscheiden zwischen dem Tempel selbst und seiner Umgebung. Durch eine Reihe von Stollen, die in das Innere des Etagenturmes geschlagen wurden, stellte ich zunächst fest, dass 4.20 m innerhalb der von Ur-Gur um 2700 v. Chr. erbauten Front der unteren Stufe der Pyramide ein tief abwärts gehender uralter sumerischer Turm begraben liegt, dass also die Sumerer, nicht die Semiten als die Erfinder dieser eigenartigen Etagentürme zu betrachten sind. Zu diesem Resultat war ich bereits früher geführt durch die Erwägung, dass alle jene Türme bemerkenswerte sumerische Namen tragen, und dass die älteren Tellôinschriften solche Türme bereits zu kennen schienen. Die noch erhaltene niedrige Umfassungsmauer des ältesten heiligen Bezirkes von Nippur umschliesst eine bedeutend kleinere Fläche als die spätere starke Befestigungsmauer desselben.