In geradezu wunderbarer Weise ward das Heiligtum drainiert. Vier und ein halb Meter unterhalb von Narâm-Sin’s Plattform machte die Expedition eine wahrhaft epochemachende Entdeckung, deren ganze Tragweite sich mir erst während der letzten Kampagne erschloss. Direkt unter der Umfriedungsmauer mündete ein ca. 1 m hohes Gewölbe, in regelrechter Bogenform erbaut, aus ([Abb. 50]). Es gehört zweifelsohne in das 5. Jahrtausend und liefert durch die blosse Tatsache seiner Existenz eine weltbeschämende stumme Kritik der Drainierungsverhältnisse der meisten unserer grossen europäischen Städte im 20. nachchristlichen Jahrhundert. Man hatte im „Königreiche des Nimrod‟ nicht nötig, das Strassenpflaster jedesmal aufzureissen, wenn irgendwo im Boden eine Röhre geplatzt war. Denn die Anlage ist nicht ein blosser unterirdischer Kanal für Abzugswasser, sondern ein gewölbter Gang, in dessen Boden in Cement eingelassen, wie im Bilde deutlich erkennbar, zwei Tonröhren von ca. 15 cm Durchmesser nebeneinander gebettet lagen. Platzte eine derselben, so betrat ein Arbeiter in gebückter Stellung das Gewölbe und besserte ohne weitere Schwierigkeit den Schaden aus. Warum 2 Röhren? Offenbar um das Wasser, das an der gemeinsamen SO.-Ecke des Turmes in das Gewölbe einmündete, von zwei verschiedenen Richtungen her abzuleiten. Etwa 500 in der Nähe gefundene Knie- und T-Stücke ([Abb. 51]) belehren uns, dass man auch rechtwinkelig sich treffende Abzugsröhren in unserer heutigen Weise damals zu vereinigen wusste.

Abb. 50. Der älteste Bogen Babyloniens.

Abb. 51. Knie- und T-Stücke aus Terrakotta.

Abb. 52. Marmorkopf eines Sumerers.

Die Kunst jener uralten Periode lassen Sie mich wenigstens an der Hand zweier Denkmäler vor Augen führen. Der zunächst folgende Marmorkopf gehört einem Volke an, das Kopfhaar und Bart rasierte ([Abb. 52]). Solche leider oft verstümmelte Prachtstücke sind in Nippur, Tellô und anderen älteren Ruinen gefunden worden. In einem Exemplare aus Nippur hat der Künstler das Weisse des Auges durch Muschel, die Pupille durch braunen Stein und die Augenlider und Augenhaare durch eingelegtes Silber in entsprechender Weise hervorgehoben. Das andere Denkmal ist der bereits berühmt gewordene wunderbare Bronzekopf einer Ziege mit gewundenen Hörnern aus Fâra (in einem fast lebensgrossen und einem etwas kleineren Exemplar vorhanden) ([Abb. 53]). Da man Zinn offenbar nur erst wenig oder noch gar nicht kannte, wurde die nötige Härte und Behandlungsfähigkeit des Kupfers durch einen Zusatz von Antimon erreicht. Die Augen und Ornamente am Kopfe des Tieres sind ebenfalls durch eingelegte Muscheln und Steine in scheinbar spielender Weise hergestellt.

Abb. 53. Ziegenkopf aus Fâra.