Eine wie lange historische Entwicklung vorauszusetzen ist, ehe man derartige Kunstwerke im 5. Jahrtausend zu schaffen im stande war, entzieht sich zur Zeit noch unserem Urteil. Die hohen Errungenschaften jener Periode auf dem Gebiete der Technik und Wissenschaft, das hochentwickelte Schriftsystem, dessen einzelne Zeichen ursprünglichen Bildern meist schon sehr fern stehen, der sichtbare Verfall der Sprache, in der ursprünglich ganz verschieden ausklingende Wurzeln nach Abschleifung der Endkonsonanten bereits in auffälliger Weise zusammengefallen sind, werden es kaum zu hoch erscheinen lassen — und Anthropologen werden nicht mit Unrecht ob dieses geringen Ansatzes lächeln —, wenn ich angesichts der unterhalb des Bogens befindlichen weiteren 4.5 m Trümmer für eine derartige Entwicklung aus den ersten Anfängen menschlicher Zivilisation 1000-2500 Jahre ansetze.
Abb. 54. Vor-Sargonischer Tonbecher.
Als wir ausserhalb der Umfriedungsmauer des Heiligtums bis zu dem Wasserspiegel hinabdrangen, stiess ich allenthalben auf Vasenscherben ([Abb. 54]), horizontale und vertikale Abzugskanäle, Asche und andere Verbrennungsreste. Daneben fanden sich trotz des gewaltigen Druckes der Jahrtausende lang darüber liegenden Masse eine ganze Reihe prächtig erhaltener Urnen. Es war die Feuernekropole der um den Tempel ihres Gottes im langen Schlafe ruhenden Sumerer ([Abb. 55]). Was, so fragen wir im gerechten Erstaunen, war dann die ursprüngliche Bedeutung des Etagenturmes von Nippur?
Der erste seiner vier Namen bezeichnet ihn als Imcharsag, „Windberg‟, auf dem der Herr (en) des Windes (lil), des Sturmes und Blitzes, d. h. Enlil, der Gott der atmosphärischen Erscheinungen, mit dem der semitische Bêl („Herr‟) später identifiziert wurde, thront, von dem herab er seine Donnerkeile, mit welchen er oft dargestellt wird, auf die Erde schleudert. Als Orakelstätte für die Menschen heisst der Turm Esagasch, „Haus der Entscheidung‟. Als tief in die Unterwelt hinabdringend, wo nach sumerischer Anschauung die abgeschiedenen Geister im Hades wohnen, und in deren Nähe man demgemäss die Toten beerdigte, wird er auf einer Inschrift Egigunû, „Haus des Grabes‟, d. h. pars pro toto, „Haus der Unterwelt‟ bezeichnet. Der vierte zusammenfassende Name benennt ihn Duranki, „das Band Himmels und der Erde‟. Der Etagenturm ist demgemäss nichts anderes als die Darstellung einer kosmisch-religiösen Idee, die lokale Repräsentation des grossen mythologischen Götterberges, den sich die alten Babylonier im fernen Norden aus der Unterwelt zur Erde emporsteigend und bis in den Himmel hineinreichend (vgl. 1. Mose 11) dachten — eine Art Olymp, auf dem die Götter als „Kinder des Bêl‟ geboren waren, der aber nach seiner anderen Seite in einem späteren Texte geradezu als schad Aralû, „Berg der Unterwelt‟ bezeichnet wird.
Abb. 55. Vor-Sargonisches Grabgemach mit Totenurnen.
(Im Vordergrund die alte Umfassungsmauer des Tempels.)
Der Turm des Enlil erscheint daher in der ältesten sumerischen Periode in seinem oberen Teile als die Wohnstätte des im Himmel thronenden „Vaters der Götter‟, in seinem mittleren als Kultusstätte der auf der Erde wohnenden Menschen, und in seinem in den Hades hinabreichenden unteren Teile als ein Platz, um den die Toten ruhen — eine wahrhaft grossartige Auffassung eines Heiligtums in der ältesten babylonischen Geschichte, die bis zu einem gewissen Grade sich bis in die jüngste Zeit hinein in den von Friedhöfen umgebenen christlichen Kirchen erhalten hat. Erst unter den semitischen Eindringlingen Babyloniens scheint es nach unserer jetzigen Kenntnis wie in der Wissenschaft und Kunst, so in der Religion abwärts gegangen zu sein. Nach Sargons I. Zeit hören in Nippur (bis zur Partherperiode) ganz unvermittelt die Begräbnisse in der Umgebung des Tempels auf. Trotz allem, was man darüber geschrieben hat, und trotz einiger keilschriftlicher Hinweise auf Königsgräber, wissen wir durch die Ausgrabungen noch nicht, wo und wie die semitischen Bewohner Babyloniens ihre Toten beerdigten. In Lagasch (Tellô), wo sich offenbar die altsumerischen Traditionen mit am längsten erhielten, führt erst Gudea um 2800 v. Chr. die gleiche Reformation wie die Sargondynastie in Nippur durch. Beim Neubau des Tempels werden die alten Grabstätten geschont, aber Neue hinfort nicht mehr geduldet. „Eine Graburne wurde nicht zerbrochen, Gliedmassen (oder Leichenreste) nicht verletzt‟ (Statue B, col. IV, 10); „auf dem Begräbnisplatze der Stadt ... ward ein Leichnam nicht beerdigt‟ (col. V, 2); „eine Klagefrau liess keine Klage [mehr] erschallen‟ (col. V, 4). „Den Tempel des Ningirsu hat er wie Eridu zu einem reinen Orte gemacht‟ (col. IV, 7-9).
Aber die neue Rasse mit ihren neuen Sitten und Gebräuchen, ihren neuen Göttern und ihrer neuen Religion, hat, so sehr sie sich auch den alten Kultur- und Kultusverhältnissen Babyloniens anpasste, bald die Bedeutung jener Etagentürme verloren, oder doch wesentlich abgeschwächt und verändert. In Verbindung mit dem Totenkultus ihrer Könige und Heroen sinken sie allmählich zu Grabstätten der Licht- und Sonnengötter herab. Gudea konstruiert das Grabmal seines Gottes Ningirsu im Tempel zu Lagasch; Hammurabi (gemäss der Einleitung seiner neugefundenen Gesetzessammlung aus Susa) bekleidet mit Grün, der Farbe der Auferstehung, „das Grab der Sonnengöttin Ai‟ zu Sippar; und Babyloniens letzter selbstständiger König Nabonidos bezeichnet in einer bislang missverstandenen Stelle den Etagenturm zu Larsa (dem biblischen Ellasar, 1. Mose 14, 1) ausdrücklich als „das Grab des Sonnengottes‟. Die so oft angezweifelten Berichte der klassischen Schriftsteller vom „Turme zu Babel‟, als dem „Grabmale des Bêl‟, ruhen demnach auf authentischen einheimischen Keilschriftquellen.
Eine vieltausendjährige Entwicklung haben wir in Eile an unseren Augen vorüberziehen sehen. Ein gewaltiger Wechsel hat sich im Laufe der Zeit in Nippur, in Gesamt-Babylonien vollzogen. Die altsumerische Kunst und Wissenschaft sind unter den semitischen Einwanderern allmählich degeneriert. Wohl kommt es in gewissen national bedeutsamen Epochen zu einer schätzenswerten Renaissance, und es wird in den Tagen der Könige von Ur, eines Hammurabi, der Pasche-Dynastie, eines Aschurbânapal und Nebukadnezar Anerkennenswertes auf vielen Gebieten geleistet. Aber verglichen mit jener hochentwickelten Kultur an der Schwelle des 5. und 4. Jahrtausends sind die neuen Blüten doch nur kümmerliche Nachwüchse einer längst entschwundenen grossen Zeit selbständigen Schaffens.