Und nicht viel anders steht es auf dem Gebiete der Religion. Das sumerische Pantheon, aus dem die grosse Göttertrias Anum, Enlil und Enki, und besonders der Enlil von Nippur, als „Vater‟ und „König der Götter‟, bedeutsam hervortritt, hat unter den Semiten einen recht stattlichen Zuwachs erhalten. Seit Sargon I. haben sogar grosse babylonische Herrscher eine ausgesprochene Vorliebe, sich selbst für Götter ihrer Untertanen zu erklären. Ich erinnere an Sargon selbst, an Narâm-Sin, an Gudea, an Dungi und viele andere, welche nach einer gewissen Zeit ihrer Regierung selbst das Götterdeterminativ vor ihren Namen setzten oder von ihren Untertanen gesetzt bekamen, und zu deren Ehren Tempel gebaut und neue Kulte gegründet wurden. Die Stufenpyramiden von Nippur, Larsa, Sippar, Babylon und anderen Städten, einstmals im aufwärts ringenden Streben ihrer Erbauer als „das Band Himmels und der Erde‟ (Duranki) oder „die Grundfeste Himmels und der Erde‟ (Temenanki) oder ähnlich bezeichnet, sind zu Gräbern des Bêl, Schamasch, Marduk usw. geworden. Eine ganze grosse Nation mit ihrem glänzendem Erbe einer uralten Zivilisation, ihren bewundernswerten Gaben, ihrer geistigen Reife ist untergegangen mit dem Bekenntnis auf den Lippen: unsere Götter sind tot — ein ergreifendes, ein entsetzliches Bild! Wohl kehren diese Götter mit dem Einzug des Frühlings zeitweilig in die Oberwelt zurück, aber die Totenklage um ihr jährliches Sterben bildet einen wichtigen Teil ihres Kultus, und die gewaltigen Etagentürme, als Göttergräber, geben den Tempeln ihr charakteristisches Gepräge.

Dürfen wir angesichts solcher historischen Tatsachen und objektiven Befunde einen neuen Himmel von Babel erwarten, Hilfsmittel für die Beseitigung des Offenbarungscharakters der alttestamentlichen Religion und des einzigartigen Wesens des Gottes Israels? Jesaia weissagte (21, 9): „Babel ist gefallen, sie ist gefallen, und alle Bilder ihrer Götter sind zu Boden geschlagen‟, d. h. in das keilschriftliche Zeugnis der Babylonier übertragen: Die Götter sind gestorben und begraben. Babel und Bibel stimmen also in diesem wesentlichen Punkte ganz merkwürdig überein! Und wie lautet dagegen Israels eigenes Glaubensbekenntnis: „Siehe der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht‟ (Ps. 121, 4) — geschweige denn dass er stirbt. „Höre Israel, der Herr, dein Gott ist ein einiger Gott‟ (Deut. 6, 4). „So spricht der Herr, der König Israels, und sein Erlöser, der Herr Zebaoth: Ich bin der erste, und ich bin der letzte, und ausser mir ist kein Gott‟ (Jes. 44, 6). Babylonische Götter entstanden im Weltprozess wie andere Wesen und Dinge, wenn wir der keilschriftlichen Schöpfungslegende trauen dürfen: „Als oben der Himmel noch nicht genannt ward, drunten die Feste (die Erde) noch nicht geheissen, da wurden die Götter gebildet‟. Man ist darum ganz konsequent in Babylonien verfahren, dass man dieselben schliesslich auch wieder sterben liess. Nach dem biblischen Berichte aber war es Gott, der am Anfang Himmel und Erde schuf, und der Geist Gottes, der als ewig Gewesener und darum auch ewig Seiender auf den Wassern schwebte.

Aber ist diese Einheit aller Götter, Elôhîm, dieser Ewig Seiende, Jehovah (Jahve) des Alten Testamentes nicht ein recht exklusiver, intoleranter, engherziger Gott Israels, „der Gott einzig und ausschliesslich Israels‟? Ich würde an den Geist von Jonas Mission erinnern und an andere Stellen, um ihn in seinem ganzen Wesen zu erfassen. Aber lassen wir lieber Israels grössten Propheten, Jesaia selbst, reden, der in seinem heiligen Grimme gegen seines Volkes und Gottes Feinde dieselben doch gewiss nicht gerade schonungsvoll behandelte: „In der Zeit wird Israel selbdritt sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden. Denn der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe‟ (Jes. 19, 24 f.). Die Sonderstellung Israels in seinen Tagen gilt dem Propheten also selbst nur als eine historisch bedingte, temporäre.

Die an und für sich berechtigte Frage: Ist Jahve wirklich ein spezifisch israelitischer Gott? ist des öfteren schon in früherer Zeit erörtert worden. Man hat naturgemäss seinen Blick auch auf Babylonien zur Lösung gerichtet und neuerdings den kühnen Satz aufgestellt: „Auch hier [im Monotheismus] hat uns Babel in der allerjüngsten Zeit einen neuen ungeahnten Ausblick eröffnet‟. Soll sich doch Jehovah in der zu postulierenden ursprünglichen Aussprache Jahve bereits in Eigennamen der Zeit Hammurabis (d. h. etwa 2300 v. Chr.) bei den um die Mitte des 3. Jahrtausends eingewanderten semitischen Nomadenstämmen finden. Ja, wenn nur diese Deutung so über alle Zweifel erhaben wäre! Aber tatsächlich sind gar mancherlei Lesungen möglich, und die Mehrzahl der Assyriologen, den Vortragenden selbst eingeschlossen, hält jene Erklärung mit Recht für eine recht unwahrscheinliche und gewagte. Und Namen wie „Jahu ist Gott‟ spielen nicht die Rolle bei der Frage, die man ihnen gern zuweisen möchte. Im Gegenteil, man erwartet ihre alte Existenz auch biblischerseits. Auch solche Namen wie „Gott hat gegeben‟ (nämlich der Stammesgott der Betreffenden, nicht Gott in unserer Sprachweise, als der Gott des ganzen Universums) sind für die brennende Frage völlig irrevelant.

Selbst der von einzelnen Assyriologen vertretene Satz, „dass freie, erleuchtete Geister offen lehrten, dass Nergal und Nebo, Mondgott und Sonnengott, der Donnergott Ramman und alle anderen Götter eins seien in Marduk, dem Gotte des Lichts‟, ist sehr cum grano salis zu verstehen. Der Haupttext, den man dafür ins Feld führt, lässt auch eine andere Erklärung, wenn nicht gar mehrere, zu. Ich selbst fasse Marduk in jener Stelle als Appellativ für „Gott‟, wie Enlil (Bêl) für „Herr‟ (bêlu) bei Nebukadnezar, und Ischtar für „Göttin‟ in allbekannten Keilschriftstellen.

Ein reiner Monotheismus und eine ganz eigenartige Prophetie, die Stimme des in Israel nie ganz schlummernden Volksgewissens, sind die gewaltige Kluft, die zwischen Israel und den Völkern der antiken Heidenwelt noch immer gähnend klafft, wie sehr das alttestamentliche Volk in seiner äusseren Erscheinung auch alle die Merkmale seiner Rasse und Zeit und tiefgreifende Spuren fremder Beeinflussung aus Babylonien, Assyrien, Arabien, Ägypten und anderswoher trägt. Wir suchen mit Recht das grosse Geheimnis, welches das Volk des alten Bundes gleichsam aus dem historischen Zusammenhange löst und zum Wunder unter den Nationen stempelt, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln strenger Wissenschaft zu ergründen. Aber ich glaube, der Weg zu dieser Erkenntnis und Wahrheit führt nicht über Babel, obwohl wir gerade den babylonischen Keilschriftdenkmälern für sonstige ausserordentlich reiche Förderung unseres Verständnisses des A. T. in der Vergangenheit und zweifelsohne auch in Zukunft zu ehrlichem Danke verpflichtet bleiben werden.

Meine eigene Auffassung von dem Gange babylonischer Geschichte und Zivilisation während der letzten 3-4 vorchristlichen Jahrtausende habe ich Ihnen nach meinen 14jährigen archäologisch-historischen Arbeiten auf Grund tatsächlicher Funde unserer Expedition soeben kurz skizziert. Es ist eine Geschichte der Degeneration, welche sich widerspiegelt in dem Worte Jesaias, das ich an die Spitze meines Vortrags stellte: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern‟, von der Höhe geistiger Errungenschaften und Erkenntnisse am Anfang deiner Geschichte zu deinem schliesslichen traurigen Untergang!

Doch der Fluch wird nicht immer auf dem unglücklichen Lande lasten. Jesaia selbst hat ja eine Wendung verheissen. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, steht es bereits am Vorabend einer grossen neuen Entwicklung. Als ich das letzte Mal von der Spitze des Bêl-Tempels die weiten Fluren Babyloniens überschaute, lag es wie eine heilige Stille über der trümmerbesäten Ebene von Sumer und Akkad. Weidende Herden und fröhliches Leben allenthalben! Die Totengebeine des grossen Leichenfeldes begannen sich zu regen und zu sammeln und mit Fleisch und Sehnen zu überkleiden — Jehovahs lebenspendender Geist wehte leise durch das Land des Bêl. Unzweifelhafte Zeichen einer friedlicheren Entfaltung seiner unerschöpflichen Hilfsquellen machen sich allenthalben bemerkbar. Eine grosse Bewegung und Erwartung geht durch die Stämme des Innern — wie oft haben sie mir ihr Hoffen erschlossen und nach dem, was sie bewegt, gefragt! — zum Teil hervorgerufen durch die energischen Massregeln der ottomanischen Behörden in Verbindung mit dem Ankauf und der rationellen Bewirtschaftung grosser Länderstrecken als Krongüter für den Sultan, teilweise aber auch infolge der wissenschaftlichen Missionen Europas und Amerikas. Dieselben brachten neue Ideen in das Land, machten die Bevölkerung mit mancher neuen Erfindung vertraut und lehrten vor allen Dingen den Wert der Zeit und den Segen der Arbeit. Dadurch wurden alle diese Faktoren gewissermassen zu Pionieren der geplanten Türkisch-Deutschen Eisenbahn, welche zweifelsohne die Hauptrolle im wiedererwachenden Leben von Sumer und Akkad zu spielen berufen ist.

Abb. 56. Der Babylonische Drache (Ṣirruschschu). (Tonrelief, ca. 2300 v. Chr.)