Abb. 1. Dattelhain zur Zeit der Überschwemmung.
Abb. 2. Erdkastell (Meftûl) am Daghâra-Kanal.
Abb. 3. Arabische Schilfhütte (Ṣerîfa).
Unschöne, blau tätowierte Frauen mit grossen Nasenringen, halbnackte hagere Männer mit strähnenweis herabhängendem Haar, und schlechtgenährte, dickbäuchige Kinder, von der Sonne fast schwarz gebrannt, bewohnen diese unwirtlichen Gegenden. Von Schmutz und Ungeziefer starrende Hütten, sogenannte ṣerîfas ([Abb. 3]), gewähren ihnen dürftigen Schutz während der Nacht. Bei Tage durchkreuzen sie die Wasser in langen, schmalen Booten (ṭurrâdas) mit Hilfe der langen Bambusstange (merdî) und fangen Fische mit dem fünfzackigen Speere. Oder sie weiden an den Rändern des überschwemmten Gebietes ihre dürftigen Herden und lauern, mit Keule und Feuersteingewehr bewaffnet, im Hinterhalt auf Beute.
Obwohl für gewöhnlich gutmütig und in den Tag hineinlebend wie unerzogene Kinder, sind diese Ma‘dân-Stämme, d. h. wörtlich „Ignoranten‟, doch nicht frei von einer gewissen Heimtücke, dazu leicht erregbar und bei der geringsten Provokation bereit zum Kampfe. Ohne besondere körperliche Vorzüge und scheinbar arm an den sprichwörtlichen arabischen Tugenden werden sie von den städtischen Händlern gefürchtet, aber von den oft tief in ihr Gebiet eindringenden Schammar, Montefic, Dhafir und anderen Beduinenstämmen verspottet und verachtet.
Rastlos umherschweifende Nomaden im Norden und Süden, und stumpfsinnige Sumpfbewohner im Zentrum des Landes sind die Erben des zertrümmerten Reiches Nebukadnezars. Welch ein Kontrast zwischen alter Zivilisation und heutiger Degeneration! Einst, so weit das Auge reichte, üppige Palmenhaine ([a]Abb. 4]), wogende Ährenfelder, bewässert mit den oft in den Inschriften erwähnten Schöpfanlagen (jetzt genannt čereds), blühende Städte und Gehöfte, das Land, das wir so gern als die Wiege der Menschheit bezeichnen, wo Wissenschaft und Kunst geboren, und jetzt — ein offenes Land Nod (1. Mose 4, 16), wohin Deserteure und Verbrecher sich flüchten, eine Stätte der Verwüstung und Unwissenheit, das Eldorado von Räubern und Mördern.
Im Innern dieses nichts weniger denn paradiesischen Landes, wo die Temperatur im Schatten während des Sommers bis zu 39°, ja 41° Réaumur steigt, etwa 50 englische Meilen südöstlich von Hilla hingestreckt am nordöstlichen Rande der zu allen Jahreszeiten bestehenden ‘Afeč-Sümpfe (so benannt nach den sie bevölkernden ‘Afeč-Stämmen), liegen die imposanten Ruinen von Nuffar. Mit Babylon und Warkâ die ausgedehntesten Trümmerhügel der ganzen Tiefebene, bilden sie mit grösseren und kleineren Unterbrechungen seit 1889 den Gegenstand methodischer Ausgrabungen der Nordamerikanischen Expedition der Universität von Pennsylvania in Philadelphia.[2]