Abb. 4. Dattelernte in den Palmenhainen Basras.
Sie bedecken in ihrer Hauptmasse eine Bodenfläche von nahezu 75 Hektaren Landes. Ein grosser, jetzt trockener Kanal, früher an vielen Stellen 6 m tief und 50-60 m breit, teilt die Ruinen in annähernd gleiche Hälften. Die Araber nennen ihn Shaṭṭ en-Nîl (Nilstrom), das uralte sumerische Kulturvolk, das ihn gegraben — wenn nicht, wie mancherlei Erwägungen nahe legen, er den alten Lauf des Euphrat repräsentiert — bezeichnete ihn in seiner Schrift als „den Euphrat von Nippur‟; und die semitischen Bewohner Babyloniens hiessen ihn Kabaru oder „den grossen Kanal‟, dessen Wasserfülle die beispiellose Fruchtbarkeit des ganzen inneren Landes bedingte. Wie ich vor kurzem nachgewiesen, ist er identisch mit dem biblischen „Chebar, im Lande der Chaldäer‟ (Ez. 1, 1 und 3; 3, 15), an dessen (östlichen) Ufern die Exulanten Judas nach der Zerstörung Jerusalems angesiedelt wurden. Es war demnach hier im Schatten des Bêl-Tempels von Nippur, der zentralen Kultusstätte des ältesten Babyloniens, wo Ezechiel seine erhabene Vision von den Cherubim schaute, und wo sich einer der bedeutsamsten Akte im weltgeschichtlichen Drama Israels abspielte. Darum „Zeuch deine Schuhe aus von deinen Füssen; denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heilig Land‟ (2. Mose 3, 5).
Die Ruinen von Nuffar repräsentieren das alte Nippur (so zuerst Oppert), nach einer offenbar wohlbegründeten talmudischen Tradition identisch mit dem biblischen „Chalne im Lande Sinear‟ (1. Mose 10, 10), einer der vier Hauptstädte im Reiche des Nimrod. Sie sind im Durchschnitt 10-18 m hoch, erreichen aber an mehreren Punkten die respektable Höhe von 25 und selbst 30 m über dem Niveau der gegenwärtigen Ebene. Infolge von Sonnenglut und Winterregen wurden die ursprünglich mehr gleichmässigen Erhebungen allmählich in zahlreiche Hügel und Täler geklüftet, so dass aus der Ferne der unvermittelt aus dem flachen Tafellande aufsteigende Trümmerhaufen dem zerrissenen Höhenzuge des Hamrîn am oberen Tigris täuschend ähnlich sieht. Die dadurch bedingte beklagenswerte Vernichtung so vieler Häuser der nachchristlichen Stadt kann uns nicht wunder nehmen, da, wie im alten Babylonien, so auch im späteren Reich, abgesehen von Tempeln, Palästen, Brunnen, Wasserleitungen und vereinzelten Gräbern, fast nur lufttrockene Ziegel als Baumaterial Verwendung fanden.
Nach meinem ersten Ritt über das weitgestreckte Ruinenfeld kam ich im Februar 1889, noch ehe wir die Ausgrabungen begannen, betreffs des wahrscheinlichen Inhalts dieser Hügel zu einer Reihe von logischen Schlussfolgerungen. Als wissenschaftliche Grundlage und Stütze für meine Theorie dienten die wenigen damals bekannten älteren Keilschrifttexte, in denen Nippur erwähnt ist, ein Vergleich der verschiedenen Höhenlagen der Trümmer, etliche aufgelesene Antiquitäten, und vor allen Dingen die oft übersehene Tatsache, dass die Abwesenheit von Glasscherben und grün und blau emaillierten Vasenfragmenten, welche beide für Ruinen der hellenistischen und späteren Perioden des Landes charakteristisch sind, ein fast untrügliches Kennzeichen rein babylonischer Ansiedlungen bildet. Ich fasse meine ersten Folgerungen in Kürze dahin zusammen:
Der etwa in der Mitte der östlichen Hälfte kegelförmig ansteigende höchste Punkt ([a]Abb. 5]), von den Arabern Bint el-Amîr oder „Prinzessin‟ genannt, repräsentiert den keilschriftlich belegten Etagenturm des alten Nippur, Imcharsag, und die im NW., NO. und SO. davon sich hinziehenden schmalen Hügelrücken die Reste der gleichfalls in der Keilschrift erwähnten Aussenmauer der Stadt, Nîmitti-Marduk. Wo aber ein Etagenturm ist, muss notwendigerweise ein dazu gehöriger Tempel in unmittelbarer Nähe existiert haben. Ekur, das berühmte uralte Heiligtum des Bêl, dessen wichtigsten Teil der Turm bildete, konnte daher nur unter dem südöstlich von Bint el-Amîr sich hinstreckenden gewaltigen Plateau begraben liegen.
Abb. 5. Die Ruinen des Bêl-Tempels zu Nuffar (Nippur).
Daraus ergab sich als weitere Schlussfolgerung, dass der grosse offene Platz im N. des Tempels nicht als vor dem letzteren, sondern als hinter demselben gelegen verstanden werden muss, dass demgemäss der Haupteingang zum Heiligtum im SO. zu suchen ist, während der weite Platz mit dem westlich daran grenzenden grösseren Hügelrücken sekundären Zwecken, Stallungen für Herden, Lagerplätzen für Pilger, Wirtschaftsräumen, Wohnungen der untersten Beamten u. s. w. gedient zu haben schien.
Nur zwei Haupthügel auf der östlichen und südlichen Seite des Tempelfeldes harrten noch ihrer Bestimmung. Was war ihr wahrscheinlicher Inhalt? Der nachhaltige Einfluss, den selbst nach unseren damaligen spärlichen Quellen Nippur als Kultusstätte des „Vaters‟ und „Königs der Götter‟ auf die religiöse und politische Entwicklung Gesamtbabyloniens ausgeübt haben musste, liess a priori erwarten, dass nach Analogie der durch die französischen Ausgrabungen in Tellô zuerst näher bekannt gewordenen patesis oder Priesterfürsten von Lagash eine ähnliche Institution in dem viel bedeutungsvolleren Nippur existiert hatte. Der Palast eines solchen Priesterfürsten von Nippur, offenbar der imposanteste Bau nach dem Tempel, konnte dann nur unter der selbständigen hohen Trümmermasse im Osten des Heiligtums begraben liegen, wo er augenscheinlich, nach der Weise des von Botta entdeckten Sargon-Palastes von Chorsabâd, ein wichtiges Bollwerk in der Fortifikationslinie des Tempels einst bildete.