Waren meine bisher aufgestellten Thesen auch nur annähernd richtig, so durfte die Bestimmung des Inhaltes des allein noch übrigen dreieckigen südlichen Ruinenhügels, der durch einen versandeten Seitenkanal des Chebar oder einen breiten Festungsgraben vom Tempelkomplex getrennt ist, keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Er musste notwendigerweise die aus der Tontafelsammlung König Aschurbânapals bekannt gewordene Tempelbibliothek mit dazugehöriger Priesterschule bedecken.
Dreierlei ergab sich als unmittelbare Folge dieser ganzen Hypothese: 1. Der Tempelkomplex von Nippur mit den Wohnungen der zahlreichen Beamten umschloss die ganze östliche Stadthälfte von fast 40 Hektaren Bodenfläche. 2. Die sogenannten Innen- und Aussenmauern von Nippur können sich nicht, wie den Inschriften gemäss zunächst zu erwarten war, auf die ganze Stadt beziehen, sondern müssen in Übereinstimmung mit den topographischen Befunden ausschliesslich auf den Tempel des Bêl (sogar mit Ausscheidung der Tempelbibliothek) beschränkt werden. 3. Die auf der Westseite des Kanals gelegenen Trümmerhügel enthalten entweder nur einen ungeheuren Friedhof (wie ich in den ersten Wochen annahm), oder die Geschäftshäuser, Bazare und Privatwohnungen der kleinen Leute samt dem Friedhofe. Es stellte sich später heraus, dass diese westliche Hälfte in der allerältesten (sumerischen) und in der nachchristlichen Periode im wesentlichen Beerdigungsstätte gewesen, dagegen in der semitisch-babylonischen Zeit die eigentliche Geschäftsstadt repräsentierte.
Eine ähnliche Theorie lässt sich für die meisten grossen Ruinen von ‘Irâq el-‘Arabî aufstellen; vor allem lassen sich mit absoluter Sicherheit die Reste der Grundmauer des von Alexander dem Grossen abgetragenen Babylonischen Turmes in den Trümmern der Hauptstadt Nebukadnezars auch ohne Spatenstich nachweisen. Für meine heutigen Zwecke genüge es, ausdrücklich hervorzuheben, dass die im Jahre 1889 zum erstenmale vorgetragene und in meinen Universitätsvorlesungen seitdem öfter wiederholte Hypothese betreffs Nippurs, kühn wie sie damals wohl manchem erscheinen mochte, durch meine letzten Ausgrabungen vom Jahre 1900 in allen ihren Hauptpunkten bestätigt ist.[3] Vor allem haben wir in dem südlichen dreieckigen Hügel die berühmte Tempelbibliothek von Nippur — und zwar eine ältere, von den Elamiten im dritten Jahrtausend zerstörte und eine jüngere, in neu-babylonischer Zeit ganz allmählich verfallende — tatsächlich gefunden und bereits 23000 Keilschrifttafeln und Fragmente, grösstenteils der älteren angehörig, geborgen. Doch konnten soweit erst ca. 80 Zimmer oder etwa der 12. Teil des etwa 2½ Hektar bedeckenden Bibliothekskomplexes ausgegraben werden. Aus einer Reihe von Tatsachen und Anzeichen im Boden schliesse ich mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass noch eine dritte ältere oder vorsargonische Bibliothek in den untersten, noch unberührten Schichten desselben Hügels verborgen liegt.
Bevor ich auf die Ausgrabungen selbst zu sprechen komme, mögen zur allgemeinen Orientierung über die Geschichte und Resultate der Expedition[4] die folgenden wesentlichen Punkte aus einer erdrückenden Fülle von Material hervorgehoben werden. Die Feldarbeiten des grossen wissenschaftlichen Unternehmens (inkl. Reisen) haben bisher nahezu eine halbe Million Mark gekostet und sind von einer kleinen Anzahl angesehener Bürger Philadelphias bestritten worden. Unter ihnen sind die folgenden fünf Herren wegen ihrer grossen Liberalität und ihres persönlichen Interesses besonders hervorzuheben: Der 1898 verstorbene Professor der inneren Medizin und langjährige Rektor der Universität Dr. William Pepper, der gegenwärtige verdienstvolle Rektor Dr. C. C. Harrison, die beiden Bankiers Gebrüder Eduard W. und Clarence H. Clark, der eine als Vorsitzender des Expeditions-Komitees, der andere als solcher des Publikations-Ausschusses, und der Grossindustrielle W. W. Frazier. In den ersten beiden kurzen Kampagnen war der jetzige Episkopalgeistliche in New York Dr. John P. Peters (früher Professor des Hebräischen an der Universität von Pennsylvanien) Direktor. Auf dessen Veranlassung wurde im Jahre 1893 unser langjähriges treues Faktotum, J. H. Haynes, allein nach Babylonien gesandt und mit den Ausgrabungen betraut. Als sich aber sehr bald die völlige Unzulänglichkeit dieses Planes herausstellte, trat auf Ansuchen des Vorsitzenden, E. W. Clark, im Winter 1894 auf 1895 der Schreiber in die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens ein und bildete mit ersterem den inneren Exekutivausschuss des Unternehmens. Unser Streben war seitdem vor allen Dingen darauf gerichtet, eine rein wissenschaftliche Untersuchung der Trümmer herbeizuführen und entsprechende Spezialisten hinauszusenden. Für die wissenschaftliche Oberleitung und den daraus resultierenden wissenschaftlichen Ertrag der vierten und erfolgreichsten Expedition ist der Vortragende verantwortlich. Die Feldarbeiten standen wieder unter der Kontrolle von Haynes mit Ausnahme der letzten 3 Monate, während deren der wissenschaftliche Direktor, unterstützt von 2 Architekten, Fisher und Geere, sich genötigt sah auch die Leitung im Felde zu übernehmen. Fast sämtliche wissenschaftliche Mitglieder der 4 Expeditionen haben ihre Dienste dem Unternehmen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Dadurch allein ist es möglich geworden, bei den ausserordentlichen Leistungen die Kosten der Ausgrabungen verhältnismässig niedrig zu halten.
Zu einer Ende kommenden Sommers ausgehenden 5. Expedition, mit deren Organisation ich soeben beschäftigt bin, wurden mir im Dezember letzten Jahres etwa 200000 Mark aus privaten Mitteln von Freunden der Universität zur Verfügung gestellt, während zu gleicher Zeit die beiden Mäcene, Gebrüder Clark, mit einer weiteren Dotation von nahezu einer halben Million Mark einen ausschliesslich zum Zweck wissenschaftlicher Untersuchungen bestimmten Lehrstuhl der Assyriologie (mit Befreiung seines Inhabers von sämtlichen Vorlesungen, ausser soweit derselbe selbst solche für nötig hält) ins Leben riefen. Zu ebenderselben Zeit wurden von einem anderen Gönner der Wissenschaft, Eckley Coxe jun., mehr denn 80000 Mark zu den kostspieligen Publikationen der Expedition in hochherziger Weise in Aussicht gestellt und zur Hälfte bereits deponiert. Wir dürfen freilich nicht vergessen, dass, um die gesamten Ruinen von Nuffar in methodischer Weise auch nur annähernd erschöpfend zu untersuchen, bei einer durchschnittlichen Arbeitskraft von 400 Arabern wenigstens 50, wahrscheinlich aber 100 weitere Jahre erforderlich sein dürften.
Diese kurzen statistischen Angaben von nackten Zahlen und Tatsachen bezüglich eines einzigen und noch dazu von der gewöhnlichen Landstrasse ziemlich abgelegenen Unternehmens, ausgeführt von einer einzigen amerikanischen Stadt und Universität, dürfte Ihnen in beredterer Weise denn viele Worte meinerseits den erwachenden Heisshunger einer jungen und tatkräftigen Nation, trotz seiner kurzen eigenen Geschichte bereits teilzunehmen an der Lösung grosser wissenschaftlicher Probleme, lebendig vor Augen führen.
In den ersten Jahren unserer Grabungen musste die Aufgabe darin bestehen, durch langgezogene Versuchsschächte eine allgemeine Kenntnis vom Gesamtinhalt des ungeheuren Ruinenfeldes zu gewinnen und durch sorgfältige Abtragung und Bestimmung der oberen Schichten die für uns wertvolleren rein-babylonischen zu erreichen. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich unsere Arbeit dann von selbst an den durch Theorie und Spatenstich festgestellten Punkten der alten Stadt. Das keilschriftliche und archäologische Material, welches auf diese Weise allmählich zu Tage gefördert wurde, kann natürlich nicht im einzelnen hier aufgezählt werden. Der folgende sehr allgemeine und unvollständige Überblick wird wenigstens die Behauptung rechtfertigen, dass wir mit ausserordentlichem Erfolge tätig gewesen sind.
Ausser den oben erwähnten 23000 literarischen Keilschrifttexten der Bibliothek und Priesterschule sammelte die Expedition nahezu 28000 meist gut erhaltene geschäftliche Urkunden ([a]Abb. 6]) aus dem dritten, zweiten und ersten Jahrtausend hauptsächlich im westlichen Stadtteile und etwa 2000 vorsargonische Keilschrifttafeln aus dem fünften und vierten vorchristlichen Jahrtausend meist in den unteren Schichten des Bêl-Tempels. Zu diesem Gesamtresultate von 53000, vielfach fragmentarischen Keilschrifttafeln, an Grösse zwischen 2 cm und nahezu ½ m schwankend, zu deren Auffindung eine Gesamtarbeitszeit von etwa 2½ Jahren unsererseits nötig war, gesellen sich ca. 800 oft sehr kleine Vasenfragmente aus stalagmitischem Kalkstein, welche sich als besonders wertvolle Quellen für die Rekonstruktion der ältesten Geschichte Babyloniens erwiesen. Dazu kommen einige unveröffentlichte Grenzsteine aus der Zeit der Könige der Pasche-Dynastie (ca. 1100 v. Chr.); etwa 20 beschriebene Türsteine von den Tagen der uralten Könige Lugal-kigub-nidudu und Sargon I. bis herab zum Kassitenherrscher Kurigalzu; eine ganze Anzahl königlicher Votiv-Inschriften auf Türkis, Achat, Lapislazuli, Magnesit, Feldspat u. s. w. aus dem zweiten Jahrtausend; 60-80 schön geformte Backstein-Stempel Sargons I. und Narâm-Sins, nicht mit Unrecht bezeichnet als die ersten historischen Handdruckpressen zweier Könige, welche vor den Nuffar-Ausgrabungen allgemein als halbmythische Personen betrachtet wurden. Ferner erwähne ich etliche sumerische Steintafeln, die Bau-Urkunden mehrerer Könige von Ur (drittes Jahrtausend), die Toncylinder Samsu-ilunas, Sargons II., des Zerstörers Samarias, und Aschurbânapals, des letzten grossen Herrschers von Assyrien. In Kürze mag wenigstens angedeutet werden, dass 3-400 Siegelcylinder aus den Geschäftshäusern und den parthischen Gräbern und ebenso viele hebräische, mandäische, syrische und arabische Tonschalen gesammelt wurden. Die letzteren wurden meist umgestülpt am Erdboden gefunden ([Abb. 8]). Hie und da lag ein kleiner beschriebener Schädel (offenbar von einem Tiere herrührend) oder ein beschriebenes Hühnerei als Opfer für die zu besänftigenden bösen Geister darunter. In anderen Fällen waren zwei Schalen mit der Innenseite durch Erdpech zusammengekittet, um das Entweichen der offenbar darin gebannt gedachten Dämonen zu verhindern.
Abb. 6. Keilschrifttafeln von Nippur nach der Grösse geordnet.