Sie sah ihn an: mußte er sich denn nicht selber sagen, woran das lag? Daß sie nur an ihn, nur an ihn denken konnte.
Eine Antwort wartete er nicht ab. „Übrigens, Helene, hab ich dir längst gesagt, daß die gute Harriers nicht mehr die rechte Lehrerin für dich ist.“ Er wurde eifriger. „Ich will dir einen Vorschlag machen: entschließe dich kurz und schnell und fahre zur Viardot!“
„Aber du weißt doch, daß das nicht geht.“
„Nicht geht? Warum denn nicht? Um des elenden Mammons willen? Ich hab genug verdient in den letzten Jahren. Ein Wort von dir, und wir sitzen morgen früh in der Bahn — wir beide, ganz allein, Helene —“
Sie waren aus dem Hause getreten, gingen langsam die Viktoriastraße hinunter, dem Tiergarten zu.
„Sei nicht so klein, Helene! Du bist doch Künstlerin. Du willst eines Künstlers Frau werden. Wir haben das Recht, freier, größer zu denken als andere Menschen. Wirf endlich einmal dein Philistertum hinter dich. Helene, Geliebte — wir beide, allein —“
Wieder straffte sich ihr Nacken. Aber dann ließ sie den Kopf sinken. Glühend heiß stieg es in ihr empor.
Sein leises Raunen klang so einschmeichelnd in ihr Ohr. „Wenn du mich wirklich lieb hast, Helene, wirst du ja sagen. Liebe muß Vertrauen haben, Liebe soll doch auch Opfer bringen können. Opfer? Ich will ja gar kein Opfer. Laß dir sagen, Helene: wir fahren nicht gleich nach Baden-Baden. Wir fahren erst nach Helgoland. Nach dem freien Stück englischen Bodens. In drei Tagen sind wir Mann und Frau. Helene, Geliebte, so kann es nicht weitergehen.“
Ihre Hände krampften sich in der kleinen Muff zusammen. ‚Mann und Frau!‘ dachte sie. ‚Großer guter Gott, wäre denn das möglich?‘ Ein unsagbares Glücksempfinden war in ihr und eine herzbeklemmende Angst. ‚Lieber Gott, hab Erbarmen —‘
Da sah sie drüben, auf der anderen Seite der Straße, Harro gehen. Er kam aus der Schule, hatte die schwarze Mappe mit seinen Büchern unter dem Arm, ging hart an den Vorgärten entlang und spähte mit finsterer Miene zu ihnen herüber. Sie sah es deutlich: seinen trotzigen Mund und das Faltengewirr auf der Stirn.