Mit einem Male rief sie laut: „Harro! Harro!“
Es war der Entschluß eines Augenblicks. Ein Entschluß, der über sie gekommen war, sie wußte selbst nicht wie. Ein Hilfeschrei vor sich selber vielleicht. Stehen blieb sie, als ob plötzlich Bleilasten an ihren Füßen hingen. Und kaum hatte sie gerufen, so brach es wie ein herzzerreißender Jammer über sie herein: ‚Du hast ja Alfred tödlich beleidigt. Das wird er dir nie verzeihen.‘
Der Vetter kam mit hastigen Schritten quer über die Straße.
Aber nun sah sie nicht mehr hin, nun sah sie nur Alfred. Sah erst das Schürzen seiner Lippen, dann das Auffunkeln in seinen Augen. Niederknien hätte sie mögen vor ihm: ‚Vergib mir, vergib! Bis ans Ende der Welt gehe ich mit dir ... allein mit dir ...‘
Plötzlich dachte sie: ‚jetzt schlägt er dich, schlägt dich nieder. Und auch das wäre Seligkeit ...‘
Und dann sah sie plötzlich, wie er sein Gesicht zwang. Ganz ruhig, ein wenig spöttisch sagte er: „Das ist ja wohl Ihr Herr Vetter, gnädiges Fräulein? Guten Tag, Herr von Oschitz.“
Weiter gingen sie, nun zu dritt. Nein, sie ging nicht, sie schleppte sich vorwärts. Ketten hingen ihr an den Gliedern, Ketten umschnürten ihre Seele. Kaum zu atmen vermochte sie.
Harro sprach kein Wort. Er hatte flüchtig seine Pelzkappe berührt, dann wieder beide Hände in die Manteltaschen gesteckt, ganz tief und zu Fäusten geballt. Rechts schritt er neben Helene her, den Kopf im Nacken.
Aber Alfred sprach. Völlig beherrscht, angeregt sogar, heiter, etwas überlegen. Daß es doch ein glücklicher Zufall gewesen wäre, wie man sich bei der Harriers getroffen; vom Winterwetter und der Eisbahn; von seiner Schulbankzeit und wie erleichtert er aufgeatmet hätte, als er den Ranzen hinter sich geworfen.
Bis zur einsamen Insel ging er mit. „Hat mich sehr gefreut, Herr von Oschitz. Bitte, legen Sie mich der Frau Mama zu Füßen. — Addio, gnädiges Fräulein ...“ Und dann noch, ganz flüchtig scheinbar, nur ihr verständlich: „Ja so ... wir wurden vorher unterbrochen ... vielleicht überlegen Sie sich doch meinen Vorschlag. Die Viardot ist nun einmal die erste Lehrerin Europas. Au revoir!“