„Ach ... Rohlbeck ... ja, unser altes liebes Rohlbeck ...“ Wie sie das sagte, hatte sie eine ganz unbestimmte Empfindung: dies Rohlbeck mußte weit, weit abliegen. Unermeßlich weit.
Wilhelm machte sich’s behaglich und begann zu erzählen. Natürlich zuerst von Martha und seinen Schlingels; mit dem üblichen kleinen Seufzer: ja, wer es so gut hätte und immer bei ihnen sein könnte. Von Vater und Mutter dann und von ganz Rohlbeck, mit dem alten Heckstein an der Spitze, der am ersten Feiertag prächtig gepredigt, aber am zweiten dafür wieder mal einen uralten Bock abgeschlachtet hätte — „na, freilich hatten wir am Abend bis Glock eins Whist gedroschen.“ Vom Weihnachtsfest erzählte Wilhelm: wie sie alle in der großen Stube um den Christbaum gestanden hätten. Vater hätte gemeint: „Sehr schön, sehr schön, das heißt, schöner wär’s, wenn die Lene hier wäre“, und Mutter hatte etwas wie Tränen in der Stimme gehabt. Mutter wurde recht alt.
Anfangs hörte Helene nur mit halbem Ohr zu. Aber allmählich, mehr und mehr, gewannen die lieben Gestalten, von denen Wilhelm sprach, doch Leben vor ihrer Seele. Gerade, weil die so matt und flügellahm war. Ihr war’s, als wehte der Duft der großen Kiefer, um die sie alle gestanden, noch heut zu ihr; der großen Kiefer, die Vater in jedem Jahr mit dem Großknecht selber im Walde aussuchen ging. Etwas wie leises, leises Heimweh überkam sie; jetzt, plötzlich, nachdem sie so lange fast gar nicht an die Heimat gedacht hatte.
Ganz anders klang es wie vorhin, als sie nun noch einmal sagte: „Ja ... ja, unser liebes altes Rohlbeck!“
Sie schwiegen ein Weilchen. Dann fragte er, wie sie über das Fest fortgekommen wäre. „Pläsierlich wird’s ja nicht gewesen sein, taxier ich. So mit Tante Oschitz ... ich kenn das. Du hättest doch lieber mitkommen sollen, Lene. Na, übrigens, Vater wird ja jedenfalls zum 3. Februar herkommen.“
„Vater — herkommen?“
„Ihr lebt aber hier, scheint’s, wirklich auf der berühmten einsamen Insel. Lest ihr denn keine Zeitungen? Zum großen Veteranenfest! Kinder, seid ihr komisch. Zur Enthüllung des Denkmals des hochseligen Königs sollen doch möglichst all die alten Krieger von Achtzehnhundertdreizehn, aus den Freiheitskriegen, nach Berlin kommen. Hast du denn nicht einmal vom König gelesen, wie er das Programm abgeändert hat? Da hatten die Hofschranzen fein säuberlich geschrieben: ‚Alle Krüppel werden dem Veteranenzuge in Wagen aus dem königlichen Marstall folgen.‘ Dick streicht’s unser allergnädigster Herr aus und schreibt eigenhändig dafür hin: ‚Diejenigen, welche infolge ihrer bei der Landesverteidigung erhaltenen ehrenvollen Wunden gelähmt sind ...‘ und so weiter. Fein, nicht wahr? Und schön! Ja, also, ich denk’, Vater wird bestimmt kommen.“
Helene schwieg. In ihr arbeitete es: Vater würde kommen, und Vaters Jägeraugen waren scharf. Er las gewiß in ihrem Gesicht, was sie erlebt. Und wenn er dann fragte! War’s doch überhaupt wie ein Wunder, daß bisher alle blind gewesen waren — bis auf das eine Paar heller Jungensaugen! Wenn Vater kam und sie ansah und fragte — — —
„Gerade redselig bist du nicht, Lene.“
„Wilhelm, mein armer Kopf.“