„Ja so ...“ und er erzählte weiter. Von den Rackowern, die diesmal den Winter daheim bleiben wollten. Sie müßten sparen, hatte der dicke Ernst gesagt. „Na, Lene, die Rackowschen und sparen! Schaden könnt’s ja nicht, denn man munkelt, Ernst sitze bei Ephraim Hirsch feste in der Kreide. Aber die und sparen. Tante Marie hat zu Weihnachten einen Kaschmirschal geschenkt bekommen, der seine tausend Taler unter Brüdern kostet.“ Übrigens hätten sie sehr nach Helene gefragt.
„Wann bist du denn zurückgekommen?“ Sie sagte es eigentlich nur, um etwas zu sagen.
„Gestern nachmittag. Ich wär schon gestern zu dir gekommen, aber meine englischen Freunde hatten mich auf acht Uhr zu Ewest eingeladen. Da traf ich übrigens auch den Russen, wie du ihn ja wohl immer nanntest, Herrn Schwarz. In einer höchst fidelen Gesellschaft.“
Ganz weit lehnte sie sich zurück und deckte die Hand noch fester über die Augen.
„Theatervölkchen, weißt du. Wir haben noch ein paar Flaschen Cliquot zusammen getrunken. Meinen Engländern machte das einen Heidenspaß. Der eine, Mister Forster, hätte am liebsten angebändelt. Es war da eine bildschöne Person darunter, aus Frankfurt, die gefiel dem edlen Briten über die Maßen — doch die war in festen Händen. Aber was red’ ich da ... das ist ja nichts für Mädchenohren.“
Er schämte sich ein wenig und lachte verlegen. Sah nicht, wie die Schwester ganz hintenübersank, wie sie sich dann wieder aufrichtete, starr und steif. Hörte nicht, wie ihre Brust sich hob, ihr Atem schneller ging und immer schneller.
Er sah und hörte nichts. Er sprach schon wieder von Rohlbeck. Es ging so doch nicht mehr lange mit dem ewigen Hin- und Herkutschieren. Wenn endlich die Konzession für die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen hinaus wäre — und er hätte sie sicher in der Tasche, und das gäbe einen ordentlichen Batzen Geld —, dann müßten sie ganz nach Berlin ziehen. Schon der Jungens wegen, damit die in eine ordentliche Schule kämen.
„Na, Lene, und nun Gott befohlen. Soll ich die Lampe mit herausnehmen? Bist wohl lieber im Dunkeln? Ja, solche verdeubelten Kopfschmerzen. Kenn’ ich, hab ich auch manchmal; wenn auch von anderer Art. Adieu, Lene, gib mir die Hand. Donnerwetter, was hast du für eiskalte Hände. Soll ich dir ’n Doktor schicken? Gute Besserung liebe Lene —“
Nun war er endlich gegangen.
Helene hatte ihr Taschentuch herausgezerrt und biß auf das Leinen. Sonst hätte sie aufschreien müssen. Aufschreien, daß es durch das ganze Haus gellte.