„Und im übrigen ist der Kantor doch ein Demokrat.“
Helene war indessen den Dorfanger entlang gegangen, hatte ein paar Worte mit der Frau Kantorin gewechselt, die immer aussah wie ein scheues, in der Gefangenschaft gehaltenes Reh, wenn jemand vom Schloß sie ansprach, und die um so scheuer und demütiger wurde, je freundlicher die Worte waren, die man an sie richtete. Dann hatte Lene bei Meister Winkel, dem lobesamen Schneider des Dorfes und dessen Krämer, eine Bestellung der Schwägerin ausgerichtet, die sich auf ein Paar Hosen ihres Neffen Hans bezog, und dann war sie am Kirchhof ein paar Augenblicke stehengeblieben. Da lag, seitlich der kleinen Backsteinkirche, die noch immer des richtigen Geläuts entbehrte, weil weder Patron noch Gemeinde die Mittel aufbrachten, das alte Erbbegräbnis. Es mochte noch in besseren Zeiten gebaut sein, vor hundert oder hundertfünfzig Jahren vielleicht: die eisenbeschlagene Tür war sogar von ein paar Säulen eingerahmt, wirklichen Sandsteinsäulen, mit einem Giebelchen darüber, in dem das Hackentinsche Wappen mit den drei Hecken als Sandsteinrelief eingelassen war. Aber der Zahn der Zeit hatte den Bau angefressen. Die Säulen waren zermürbt, das Wappen war kaum noch erkennbar, das Ziegeldach schadhaft — gut, daß der dicht wuchernde Efeu das Schlimmste zudeckte. Das Erbbegräbnis hatte auch schon lange nicht mehr zugereicht; links und rechts daneben lagen Hackentinsche Gräber. Schlichte Gräber, die sich wenig von denen der wohlhabenden Bauern unterschieden. Höchstens, daß sie ein wenig mehr gepflegt waren, und auch das nur, weil die junge Gnädige eine besondere Vorliebe für den Kirchhof hatte.
Ein paar Minuten stand Helene am Zaun. Ihr lagen Marthas Worte im Sinn von der Treue um Treue. Die hatten sie vorhin gepackt und klangen noch in ihr nach. Aber wie sie so auf die Gräber sah, über denen sich zwei große Maulbeerbäume mit weitgespannten Ästen breiteten, die noch auf des großen Friedrichs Befehl gepflanzt worden waren, fing sie plötzlich an zu frösteln.
Neulich in Rackow hatte sie in einem Bande Gedichte geblättert. Eigentlich nur, weil Tante Marie so viel Wesens von dem großen Franzosen Victor Hugo machte. Jetzt fiel ihr mit einem Male ein Satz daraus ein: „Gloire, jeunesse, orgueil, biens que la tombe emporte ...“
Ruhm und Jugend und Stolz —
Nein! Nein! Für sie hatten die Gräber nichts Erhebendes! Sie konnte sich nur vor ihnen fürchten. Wie Moderluft wehte es aus ihnen. Ein Schauer überrann sie. Und sie zog das dünne Tuch fester um die Schultern und eilte rasch weiter, am Krug vorüber und an der Schmiede, der neuen Chaussee zu, die dicht am Dorfausgang die schmale Wintze überbrückte.
Da stand schon der Doktor Hemming mit den beiden Junkern. Oder vielmehr er stand, seitlich der Brücke, an eine dicke Weide gelehnt und himmelte über das Stoppelfeld zum Horizont hinüber. Die Jungens aber saßen auf der Steinbrüstung der Brücke; der langaufgeschossene Hans schien es seinem Hauslehrer nachmachen zu wollen, er starrte träumend mit gesenktem Kopf auf das rinnende Wasser, während Thede — Theodor — irgendeine Bohnenstange aufgegabelt hatte, die dreimal so lang war wie der Knirps, und mit ihr ebenso kräftig wie zwecklos in den zerwühlten Uferrändern umherstakte. Vielleicht dachte er in seiner wallenden Phantasie, auf diese bequeme Art ein paar der berühmten Wintze-Krebse zu fangen und Mutter in die Küche liefern zu können.
Alle drei achteten nicht auf die Nahende. Und Helene war das ganz recht. Denn der Hauslehrer mit seinen wasserblauen Schmachtaugen langweilte sie immer; außerdem konnte sie ihn nicht leiden, weil er immer ja sagte, auch wenn ihm der Widerspruch auf der sommersprossigen Stirn geschrieben stand. Und die Jungens — die Jungens waren eben dumme Gören mit hundert unnützen Fragen, dazu mit unfehlbar schmutzigen Pfoten, die überall hinklatschten, wo sie nichts zu suchen hatten.
Aber das war es nicht allein. Die Equipage, die vor dem Kruge hielt und augenscheinlich auch auf die Post wartete, beschäftigte ihre Gedanken. Sie hatte die Rackower Schimmel sofort erkannt und den dicken Jochen, den zweiten Herrschaftskutscher. Es war überhaupt zweite Garnitur, Wagen, Pferde und Kutscher. Wen ließen die Rackower nur abholen? Sie hatten ja nichts davon erzählt, daß sie einen Gast erwarteten. Aber sie hatten freilich fast immer Gäste im Haus. Ob es jemand von den Leibern aus Frankfurt a. O. war? Einer von den jagdlustigen Herren vom Leibregiment, der noch ein paar Rebhühner knallen wollte? Oder ein Ulan aus Züllichau? Oder kam nur Onkel Artenau aus Stellberg, um der Marquise seine neueste Pracht- und Prunkstickerei vorzuführen? Pfui Spinne ... solch ein Mann, der sich Königlich Preußischer Major schimpfen ließ, und den halben Tag am Stickrahmen saß wie eine alte Jungfer.
Mit einem Male hatte Junker Thede doch die Tante erspäht. Er schmiß die Bohnenstange ins Wasser, daß es hoch aufspritzte, schwang seine kurzen Beinchen mit einem Wuppdich über die Brüstung, stieß ein Indianergeheul aus, kam im Galopp angejagt und — richtig — da wollten auch schon seine Pfoten mit den Farbenklexen von Tinte, Flußmoder und Tuschkastenresten an ihren Rock aus geblümter Indienne. „Tante Lene, Tante Lene, weißt du schon das Allerneueste?“