Tante Marianne war gekommen, aufs heftigste erschrocken. „Wir hatten noch einen Spaziergang gemacht, Helene und ich“, hatte Harro erklärt. „Da ist sie plötzlich ohnmächtig geworden. Sie war ja schon in den letzten Tagen nicht wohl. Erinnere dich nur, Mama.“

Der Arzt wurde gerufen, Tante brachte Helene zu Bett. Willenlos ließ sie alles mit sich geschehen, sprach nicht, lag mit geschlossenen Augen. Der Medizinalrat machte ein bedenkliches Gesicht — „Ein Nervenfieber im Anzug“ — verschrieb ein Rezept, wollte am nächsten Morgen wiederkommen.

Nicht von Helenens Bett wich die Tante. Ein paar Male kam Harro auf den Fußspitzen, öffnete eine Türspalte, schlich wieder zurück. Die Medizin wurde gebracht. „Du mußt einnehmen, liebes Kind!“ Gehorsam richtete sich Helene auf. „Du bist so gut zu mir, liebe Tante —“ sank wieder zurück, lag mit geschlossenen Augen, endlose, endlose Stunden. Manchmal dachte Tante Marianne: es scheint doch, sie schläft. Aber dann sah sie wieder, wie die Hände auf der Bettdecke leise hin und her gingen, immer, als suchten sie nach etwas Verlorenem. Wie bei einer Fiebernden, und doch war der Puls ganz regelmäßig und die Stirn eher kühl als heiß.

Als der Morgen dämmerte, wurden die Hände ruhiger. Manchmal bewegte Helene die Lippen, als wollte sie etwas sagen oder als spräche sie mit sich selber. Tante Marianne sah das alles, sah auch, wie sich zwischen den Brauen ein paar Fältchen eingruben. Wie bei Harro, dachte sie; es muß doch etwas wie eine Familienähnlichkeit sein. Es schien nun wirklich, als schliefe Helene fest. Auch ihre Lippen waren jetzt ruhig, seltsam zusammengepreßt nur, ganz schmal und blutlos.

Durch die tiefen Fensternischen brach das Tageslicht. Ein erster schmaler Sonnenstrahl legte sich quer über die Bettdecke. Tante Marianne wollte aufstehen, den Vorhang zuziehen. Da schlug Helene die Augen auf. Sie haschte nach der Hand der Tante und sagte matt, aber ganz klar: „Daß ich dir soviel Mühe mache, Tante.“ Sie zog die Hand an ihre Lippen. „Ich werde euch allen das nie danken können. Ich bin wohl überhaupt eine recht undankbare Kreatur.“

Tante Marianne war sehr glücklich. Wer so sprach, konnte nicht ernstlich krank sein! In aufwallender Herzlichkeit beugte sie sich über die Nichte, küßte sie: „Du liebes böses Kind! Wir haben uns wirklich geängstigt. Was für Geschichten machst du nur!“

In Helenes Augen lag immer noch etwas Starres. „Ja ... was für Geschichten ...“ sagte sie langsam. Und dann gleich: „Aber ängstigen braucht ihr euch nicht. Es muß wie ein plötzlicher Anfall gewesen sein. Jetzt bin ich ganz wohl. Und du hast die ganze Nacht hier gewacht. Ich schäme mich, Tante ...“

„Aber, Helene! Und ganz wohl: das glaube nur nicht. Da müssen wir erst den Doktor hören.“

Helene saß aufrecht in ihrem Bett. Sie fühlte, daß ihr Haar sich gelöst hatte, griff nach der einen schweren Flechte, die ihr wie ein Goldband über der Brust hing. Ein flüchtiges Rot ging über ihre Wangen, während sie die hochsteckte. „Ganz wohl? Ganz gesund hätte ich sagen sollen“, sprach sie wieder in ihrem schweren fremden Tonfall.

„Aber Kind, das ist doch dasselbe —“