Sie antwortete nicht, ließ sich zurückfallen, schloß die Augen, sah wieder auf. Etwas unsicher und zaghaft. Griff von neuem nach der Hand der Tante, sagte langsam, als ob ihr doch jedes Wort schwer fiel: „Liebe Tante ... ich habe eine sehr große Bitte ... ich möchte so schnell als möglich nach Hause ... nach Rohlbeck ...“

Dabei blieb sie. Immer wiederholte sie es. Der Tante, dem Arzt, auch Wilhelm gegenüber, der gerufen worden war.

Sie schien auch wirklich ganz gesund. Der Medizinalrat machte zwar einige Einwendungen, sprach dann von einem Nervenchock, gab jedoch zu, daß sie durchaus reisefähig wäre. So gab man ihrem Wunsche schließlich nach. Tante Marianne war vielleicht ein wenig pikiert über die Hast, mit der Helene ihre kleinen Vorbereitungen traf; sie schüttelte den Kopf, konnte sich in den plötzlichen Entschluß nicht hineindenken; die offenbare Veränderung im Wesen der Nichte verwirrte, versöhnte sie aber auch einigermaßen. Eine fremde, stille Schweigsamkeit war in Helene, eine fast wortlose, aber innige Dankbarkeit sprach aus ihr.

Wilhelm wollte die Schwester am nächsten Tage wenigstens bis Frankfurt bringen. Am Abend kam er noch einmal, um sich als unabkömmlich zu entschuldigen. Nun sollte Harro für ihn einspringen. Ob er wohl die Klasse auf einen Tag ohne Schaden versäumen könnte? Er wurde rot, dann erklärte er sein „Selbstverständlich“. Tante Marianne ging hinauf, um Helene Mitteilung zu machen. Sie kniete vor ihrem Köfferchen, sah auf wie erschrocken, sagte dann hastig: „Aber ich kann doch wahrhaftig allein reisen!“ Als die Tante ihr zusprach: „zu unserer Beruhigung, Kind! Wenigstens, daß wir wissen, du bist gut in der Post untergekommen —“ senkte sie den Kopf. Es war also abgemacht.

In ganz früher Morgenstunde mußte sie aus dem Hause, denn der Zug ging schon um acht Uhr, und man gebrauchte bis zum Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof fast eine Stunde.

So elend und übernächtigt sah sie aus, als sie herunterkam, daß die Tante erschrak. Aber Helene schien ganz ruhig. Sie sagte jedem einzelnen Dienstboten Lebewohl; dann umarmte sie die Tante, dankte ihr noch einmal.

„Liebes Kind, du kommst ja bald wieder. Nimm’s nicht so feierlich.“

„Wenn ich wirklich wiederkomme —“

„Aber, Helene!“

Sie stand einen Moment mit hängendem Kopf, wie tief in Gedanken versunken, griff dann nach der Hand der Tante, zog sie an die Lippen. Es war wie eine Abbitte. Und sie sagte auch wirklich nach einer kleinen Pause: „Verzeih mir, Tante Marianne. Ich hätte wohl manchmal anders sein können. Behalt mich ein wenig lieb ...“